Feeds
Artikel
Kommentare

Nur Gespenster?

Krisenherde häufen sich. Der Brexit, der US-chinesischen Handelskonflikt, die Finanzsituation Italiens (Südeuropas) und der Türkei aber auch der Welt insgesamt (bei 235 Billionen Schulden, dem Dreifachen des BIP der Welt, und das ohne die Forderungen aus Derivat-Kontrakten) bedrohen mit den Wirtschaftsabläufen die Versorgung der Menschen. Weniger bekannt ist, dass der europäische Bankensektor über 700 Milliarden Euro nicht bedienter Darlehen in den Büchern stehen hat und ungeheure Blasen in den verschiedenen Assets (angebliche „Vermögens“-Kategorien) wie Immobilien, Renten, Aktien und in sonstigen „Wert“-Papieren aufgepumpt wurden. Dem perspektivlos regierten, alten Europa droht dazu noch eine Schrumpfvergreisung, deren Auswirkungen der Zuzug von potentiellen Sozialhilfeempfängern aus den Ländern des sogenannten „Non Integrating Gaps“, nicht mildert. Entfacht wurde dieser Zuzug vor allem aufgrund der achtzigjährigen, zur Bereicherung der westlichen Großbanken nur vorgetäuschten Entwicklungshilfe zur Verhinderung der Industrialisierung dieser Länder. Hinzukommt ein Wirtschaftssystem, das system-bedingt zur Verarmung der Binnen-Bevölkerung (trotz ungeheurer Steigerung der möglichen Arbeitsproduktivität der Gesellschaft) führen muss, sobald es weltweit gilt und keine externen Profitquellen mehr angezapft werden können.

[zur Erklärung der System-Bedingtheit möglichst knapp die Grundbedingungen: 1. Als einziges Produktionsmotiv bleibt dem westlichen Wirtschaftssystem die Aussicht auf Geldzugewinn. 2. In diesem System sind die Geld-Erlöse der einen aber nur immer gleich den Geld-Kosten (Aufwendungen) der anderen (ein Drittes gibt es nicht – woher auch) 3. Geldgewinne sind also vorwiegend auf zwei Wegen möglich a) über zusätzliche Geldschöpfung, die im System identisch mit der Anhäufung von Schulden ist, b) durch Drosselung der Produktion (sobald die Vermögens-Konzentration dies ermöglicht). Denn das als Kosten (Lohn, Steuern, etc.) verausgabte Geld lässt sich wirtschaftlich, das heißt mit Gewinn, nur über Preiserhöhung der Versorgunsgüter zurückholen. Höhere Preise erzielt man systembedingt nur über ein auf die Zahlungsfähigkeit möglicher Kunden zurückgedrosseltes Angebot. (Dabei wirken sich marktbedingt wieder nur Umverteilungseffekte mit weiteren Zentralisierungstendenzen der „Vermögen“ aus.) 4. Da beim erreichten Stand der Vermögens-Konzentration die Tatsache unter 3. immer deutlicher in Erscheinung tritt, werden immer größere Vertuschungs-Anstrengungen nötig. Die Folge: Sogenannte Informationen klären nicht mehr auf, sondern sollen vorwiegend in eine (gewünschte) Bewusstseinsform bringen, d.h. manipulieren. Die Verbreitung von sogn. Fake News findet aber ihre natürliche Grenze an ihrer Überzeugungsfähigkeit. Man glaubt den offiziellen Verlautbarungen und etablierten Medien-Unternehmen immer weniger. Der Politikwissenschaftler Arnulf Barning hatte treffend gesagt: „Die öffentliche Verlogenheit hat ein Ausmaß erreicht, das die Behandlung realer Probleme unmöglich macht.“ (Zitiert nach http://www.buerger-fuer-technik.de/2018/2018-Q3/2018-08-21-alt-wind.pdf) 5. Das System implodiert von den Rändern aus zusehends.]

Natürlich lässt sich der Zusammenhang unter Einbeziehung von Sonderfällen komplizierter darstellen und aus individueller Perspektive auch so, dass dabei weniger Erkenntnis des Gesamtprozesses herauskommt. Gefährlicher ist, dass die westliche Führungsclique aus Dummheit oder wegen suizidaler Tendenzen auf eine verkürzte Endlösung (Krieg) drängt. Das zeigen die jüngsten Kriegsvorbereitungen der Ukraine am Asowsche Meer mit massiven neuen Waffenlieferungen und immer mehr Ausbildern und strategischen Führungskräften aus dem Westen. Ein anderes Indiz liefert die deutsche politische Klasse, die sich in der vergangenen Woche an der von den USA, England und Frankreich entfachten Diskussion über einen möglichen Syrienangriff in positiver Absicht beteiligt hat, ohne das Gutachten ihres eigenen Wissenschaftlichen Dienstes über die Völkerrechtswidrigkeit eines solchen Angriffs zu berücksichtigen.

Abgesehen von der fortschreitenden Waffenanhäufung in Europa an der Grenze zu Russland verkündete am 17.9. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg in einem Interview mit dem Portal „Axios“ sinngemäß, die Nato könne sich im Fall von „Cyberattacken“ seitens Russlands auf die Anwendung von Artikel 5 berufen, der den Bündnisfall auslöst. (https://www.axios.com/donald-trump-jens-stoltenberg-montenegro-nato-article-5-7cacf422-e4e1-4818-ad6a-aa46467233b2.html)  „Das Wichtigste ist, dass wir unsere Bereitschaft für die bedarfsmäßige Ausrufung des Artikels 5 klar ausgedrückt haben und auch, dass wir unsere Cyber-Abwehr bei Übungen verstärken sowie in moderne Cyber-Fähigkeiten investieren“, erklärte er, und auch, dass die Nato bei ihren Operationen Cyber-Mittel verwenden könnte – aber nur in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht. So so, etwa auf eine Weise wie zur Zeit in Syrien und davor in Libyen und davor … Mit angeblichen Cyber-Angriffen lassen sich Kriege nun noch einfacher auslösen als bisher, weil sich die Herkunftsorte von Cyber-Angriffen von entsprechenden Fachleuten im Netz territorial beliebig vortäuschen und zuordnen lassen.

Dass solche Vortäuschungen nicht abwegig sind, zeigen Beispiele aus der Geschichte: Um 1898 einen Grund für den beabsichtigten Krieg gegen Spanien zu bekommen, haben die USA selbst ihr Kriegsschiff mit 300 Soldaten an Bord im Hafen von Havanna gesprengt und das den Kubanern unterstellt. Wie viele Provokationen der USA waren nötig, um den Angriff Japans auf Pearl Harbor im Zweiten Weltkrieg auszulösen? Grenz-Scharmützel lieferten den Vorwand für den Koreakrieg. Ein inszenierter Vorfall im Golf von Tonkin bot offiziell den Anlass für den Beginn des Vietnamkriegs. Die sehr eigenartigen Ereignisse um 9/11 (um es vorsichtig auszudrücken) setzten den Krieg gegen den Terrorismus in Gang. Dieser Krieg war der Beginn der von Steven R. Mann bereits 1992 konzipierte „Strategie Chaos“, die dann von Admiral Arthur K. Cebrowski als Chef des Office of Force Transformation militärisch-taktisch ausformuliert und unter US-Präsident Bush 2001 als US-Strategie offiziell in Gang gesetzt worden ist. Nicht vorhandene Massenvernichtungswaffen mussten den Irakkrieg rechtfertigen. Inszenierte Aufstände und angebliche Angriffe auf die eigene Bevölkerung rechtfertigten die Zerstörung Libyen, des wohlhabendsten Landes in Nordafrika. Dabei wurden immer Spuren hinterlassen, die letztlich die Verursacher mit ihrer Absicht bloßstellten, jedenfalls für diejenigen, die nicht um jeden Preis wegsehen wollen. Bei Cyber-Aktivitäten wird eine solche Spurensicherung weniger überzeugend bis unmöglich.

Was die Verteidigung der „Werte“ der westlichen „Wertegemeinschaft“ betrifft, um die es dabei angeblich gehen soll, so zeigen ein paar Beispiele, was von diesen „Werten“ praktisch zu halten ist: Kürzlich hat Admiral William H. McRaven dem US-Verteidigungsministerium seinen Rücktritt aus dem Advisory Council of Innovation angeboten. Der Mann war als Kommandant der Operation Neptuns Speer bekannt geworden, bei der am 2.5.2011 angeblich Osama Bin Laden in seinem Haus in Abbottabad, Pakistan, auf Befehl des US-Präsidenten Obama ermordet wurde. Dem Geschehen widersprach allerdings Pakistan nicht nur, weil es sich um einen völkerrechtswidrigen Verstoß gegen seine Souveränität handelte, sondern weil Osama Bin Laden damals nicht in Abbottabad wohnte, sondern schon im Dezember 2001 in Afghanistan gestorben sei. Das war nicht die einzige Leistung des Admirals. Am 5.3.2013 rühmte er sich in einer Senatskommission stolz, dass seine Special Forces ähnliche Operationen (politische Morde) in 78 Ländern der Welt entweder direkt oder durch die Schulung örtlicher Helfer durchgeführt haben. Präsident Obama hatte McRaven mit der Schaffung eines Netzes von Spezialkräften Joint Task Force im USSoCom beauftragt. Die Spezialeinheiten sollten eingesetzt werden, um mit militärischen Mitteln unkonventionelle Kriegs-Operationen durchzuführen, vor allem um Unruhen auszulösen und/oder politische Gegner zu ermorden. Washington bestreitet die Existenz solcher Missionen zwar jeweils, stellt dafür aber ein jährliches Budget von mehr als $ 10 Milliarden zur Verfügung. Vgl. https://www.armed-services.senate.gov/imo/media/doc/13-07%20-%203-5-13.pdf. In seinem Buch Spec Ops: Case Studies in Special Operations Warfare – Presidio Press 1996, beschreibt William H. McRaven auf 432 Seiten die wildesten US-Kommando-Operationen bis zum möglicherweise vorgetäuschten Mord an Osama Ben Laden in Pakistan.

John O. Brennan (CIA-Direktor 2013-17) hatte das Ermordungs-Programm der CIA durch ferngesteuerte Drohnen entwickelt und in diesem Zusammenhang eng mit Admiral McRaven zusammengearbeitet. Er war deshalb mit General Michael T. Flynn vom militärischen Nachrichtendienst in Konflikt geraten. Als erster National Security Advisor von Präsident Trump hatte Flynn Brennan entlassen und versucht, die CIA für saubere Nachrichten-Missionen statt der außergerichtlichen Liquidation seiner Feinde zu reorganisieren. Er verlor den Machtkampf. Brennan fand Rückhalt beim Establishment und führte den politischen Kampf gegen Trump, indem er ihn mit Hilfe der gesamten „anerkannten“ Medien der USA beschuldigte, russischer Agent oder zumindest mit Russlands Wahlbeeinflussung ins Amt gehoben worden zu sein. Trump hat Brennans Geheim-Akkreditierung am 15. August 2018 widerrufen, doch die Kampagne läuft weiter.

Die stellvertretende Premierministerin für europäische und euroatlantische Integration der Ukraine, Iwanna Klympusch-Zynzadse, hat in einer Sendung des TV-Senders „Prjamoj“ verkündet, dass die Ukraine ein „Vorposten der westlichen Zivilisation“ sei. Das könnte, wenn man das Niveau der Russlandhetze dieser, laut Assistant Secretary of State Victoria Jane Nuland im Dienst des US-Außenministeriums für 5 Mrd. Dollar gekauften ukrainischen Regierung, in Rechnung stellt, inzwischen sogar leider stimmen.

Doch sucht den Fehler nicht im neo-liberalen Fehlverhalten „der Politiker“! Der Web-Fehler liegt im System der Marktgesellschaft (dabei geht es nicht um die Existenz freier Märkte, sondern um die Regelungen der gesellschaftlichen Verhältnisse in letzter Instanz durch den Markt), die sich über Jahrhunderte aus der abendländischen Gesellschaftsformation heraus entwickelt hat und erst heute voll zur systemischen Entfaltung kommt. Mehr dazu in meinem Buch: Der Westen, ein Abgesang, Entstehung und Zukunft der westlichen Marktgesellschaft. Der gut belegte Text kann als PDF-Datei für € 15 per e-mail über boettigerdrh@web.de erworben werden. (Eine Buchveröffentlichung wird im Imhof Verlag Petersberg (384 Seiten) vorbereitet).

Hussa, Hussa jagt die …

„Natürlich gibt es Hetzjagden, auch in Deutschland. Eine davon veranstaltet gerade die SPD. Wie eine hungrige Meute stellt sie dem Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen nach, den sie mit Billigung der Kanzlerin in Kürze zur Strecke bringen will.“ Steingart Morning Briefing. Man wirft Maaßen u.a. vor, sich 5 Mal mit Politikern der AfD getroffen zu haben, dass er 121 Gespräche mit der Union, 69 mit der SPD, 23 mit den Grünen, 14 mit der Linken geführt hat, spielt für sogenannte „Demokraten“ bei den deutschen Polit-Vasallen keine Rolle.

Zwei US-F-15 haben in Syrien angeblich verbotene Phosphor-Bomben abgeworfen, teilte am Sonntag der Chef des russischen Zentrums zur Versöhnung der Konfliktparteien in Syrien, Generalleutnant Wladimir Sawtschenko, mit: „In der Provinz Deir-ez-Zor ist am 8. September ein Schlag mit zwei Flugzeugen der US-Luftwaffe gegen die Ortschaft Hadjin unter Einsatz von Phosphor-Brandmunition verübt worden.“ Angriffe mit Waffen, die weißen Phosphor enthalten, sind durch die Zusatzprotokolle zum Genfer Abkommen von 1949 verboten. USA Dienststellen dementieren natürlich den Vorgang. Doch wer glaubt denen nach so vielen falschen Beteuerungen noch?  Am 13.9. drohte Niki Haley, US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, dass die USA eingreifen würden, sollten syrische und russische Truppen in die syrische Provinz Idlip einrücken. Jetzt zeigt sich, wer tatsächlich die Terroristen al-Qaeda, Jabhat al-Nusra, jetzt Hayat Tahrir al-Sham in Syrien einsetzt. Es geht den USA wohl nicht darum ihre Verbündeten zu schützen, das wäre untypisch für sie, sondern ihre „asymmetrisch Operierenden“ Idlib für andere Einsätze zu schonen.

Ein Vertreter der US-Regierung hat sich ohne Angabe von Gründen geweigert, ein russisches Überwachungsflugzeug vom Typ Tu-214ON von den Gesandten der Vertragsstaaten Vertrags inspiziert und akzeptiert worden war, für Kontrollflüge über dem US-Gebiet dem Gebiet der Teilnehmerstaaten zuzulassen. Der Open Sky Vertrag war 1992 als Vertrauensbildende Maßnahme zwischen Staaten der beiden Blöcke geschlossen worden. Bereits im September 2017 hatten die USA den Russen plötzlich Vertragsbruch vorgeworfen, weil die Enklave Kaliningrad 1992 wegen der engen Grenzen zu Nachbarstaaten nicht überflogen worden konnte. Am 11.9.18 haben sie den Vertrag mit der Weigerung endgültig gebrochen. Sie wollen offensichtlich kein Vertrauen mehr.

Ebenso wird von den westlichen Regierungen behauptet, Assad plane erneut einen Giftanschlag auf die eigene Bevölkerung. Allerdings ließen sich diese wie die früheren, dahingehenden Behauptungen nicht belegen, eher schon aus logischen Gründen widerlegen. Und Deutschland ist dabei. Denn, wenn es darum gehe, einen Giftgasangriff zu ahnden, „sollte sich Deutschland dem nicht verschließen“, meinte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses wie auch andere Politiker der Union, der FDP und der Grünen (laut FAZ 11.9.) trotz der gegenteiligen Entscheidung des Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags zur Rechtslage. Die Grünen-Europapolitikerin Franziska Brantner meinte: „Das Ziel muss sein, die Menschen (sogn. Rebellen) in Idlib zu schützen. Daraufhin müssen alle Optionen überprüft werden.“ Man strebt wohl den gleichen hervorragenden „Erfolg“ des „Bevölkerungsschutzes“ an, wie in Libyen, als man das Land ins Chaos stürzte und ruinierte. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisierte das klare Nein von SPD-Chefin Andrea Nahles zu einer deutschen Beteiligung an einem Vergeltungsschlag beim Einsatz von Giftgas. Dabei lehnt die SPD tatsächlich ein militärisches Eingreifen in Syrien gar nicht ab. Schließlich leistet die Bundeswehr mit Zustimmung der Sozialdemokraten seit 2015 den Angreifern Syriens Aufklärungsdienste.

„Während syrische Truppen mit Unterstützung der Russen zum letzten Schlag gegen die jihadistischen  Extremisten in der syrischen Provinz Idlib ausholen, ist die Möglichkeit, dass es zu einer Konfrontation zwischen Russland und den USA kommt, so groß wie nie zuvor“, warnt die US-Veteran Intelligence Professionals for Sanity in ihrem Memorandum vom 10.9. an den US-Präsidenten. Doch die Trump- Regierung (auch ihr Chef??) gibt sich fest entschlossen dazu und plant bereits ihren nächsten Coup, nämlich mit aufständischen Offizieren einen Regime Change in Venezuela, meldete die New York Times am 8.9. Die US-Republikaner brauchen so etwas wegen der Kongress-Wahl im Herbst. „Hau druff!“ bringt Stimmen. Für Wahlen ist scheinbar jedes Mittel Recht – wie inzwischen auch hier zulande – wenn man es damit nur den bestimmenden Finanzbossen Recht macht. Manche Herrschafts-Cliquen treiben, wenn sie am Ende sind, lieber ihr Land in den Selbstmord, als Fehlverhalten einzugestehen oder gar zu ändern. Andere werden dabei nur größenwahnsinnig: Die EU soll “weltpolitikfähig” werden und als “Architekt der Welt von morgen” auftreten, meinte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am 12.9. anlässlich in seiner (den USA nachgeäfften) “State of the Union”-Rede.

Das Europaparlament hat am 12.9. mit der Einleitung eines Verfahrens nach Artikel 7 des EU-Vertrages gegen Polen und Ungarn begonnen ihren Djihad-Selbstmordgürtel zu zünden. „Es gibt systemische Probleme mit der Rechtsstaatlichkeit in Ungarn, mit dem Respekt der Grundwerte der Union“, beschloss das Europäische Parlament mit großer Mehrheit. Viktor Orbán sagte dazu: Mit der Entscheidung wird nicht eine Regierung, sondern ein Land verurteilt. Er sagte auch, die Ungarn seien stolz auf ihre Freiheit und Unabhängigkeit und seien entschlossen, „kein Einwanderungsland zu sein”. Manfred Weber, der Fraktionschef der Europäischen Volkspartei, bisher der wichtigste internationale Alliierte Orbáns in der CDU, stellte angesichts seiner möglichen Nachfolge Junkers im Amt fest, dass „man die Menschenrechte verteidigen muss und nicht die christlichen Rechte” und stimmte mit der Mehrheit der Abgeordneten.

Die Abstimmung des EU-Parlaments verschärft den Konflikt zwischen den westeuropäischen Machtzentren und dem Osten der EU, der als Visegrád-Gruppe möglicherweise schon den Wiederausstieg aus der EU, allerdings nicht aus der NATO, anvisieren. Beiden Ländern soll, weil sie in „schwerwiegender Weise die Grundwerte der Europäischen Union verletzen“, das Stimmrecht in den EU-Gremien entzogen werden. Der zuständige Ausschuss des Europaparlaments beklagt unter anderem, dass in Ungarn „Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und die Freiheit akademischer Organisationen“ so gravierend eingeschränkt seien (etwa wie hier, die der AfD), dass dies die Anwendung von Artikel 7 als letztes Mittel rechtfertige.

Der in Ungarn gebürtige britische Soziologe Furedi zeigte in seinem Buch  Populism and the European Culture Wars (Routledge Verl. 2017), wie verlogen das Vorgehen der EU-Elite gegen die betreffenden Staaten sei, da die Praxis etwa der Presse- und Meinungsfreiheit in den anderen EU-Staaten in der Substanz kaum von den kritisierten Praktiken der ungarischen Regierung abweiche. Die Kritiker Ungarns übersehen, dass die ungarische Verfassung in einem parlamentarischen System, das aus freien Wahlen hervorgegangen ist, entstanden ist, und von einer Regierung mit einem überwältigenden demokratischen Mandat beschlossen wurde. Allerdings ist sie traditionellen, konservative Werten verpflichtet, die bei linken und liberalen Kreisen (auch innerhalb der CDU/CSU) inzwischen als ablehnungswürdig gelten. Furedi führt den Konflikt mit den europäischen Eliten auf eine Art Kulturkampf um die Bedeutung der nationalstaatlichen Souveränität zurück, der die Form eines antipopulistischen Kreuzzugs angenommen hat. Wer ist der „Demos“, wenn nicht der „Populus“? Bezieht sich in der „Demokratie“ das griechische „Demos“ auf die bestimmenden Geldgeber und das lateinische „Populus“ nur auf das niedere, unzufriedene Volk?

Die Institutionen der EU haben es bisher versäumt, ihre Rolle verfassungsmäßig zu legitimieren. Die Zustimmung der Europäer beruht auf Werten einer angeblichen „Wertegemeinschaft“, die propagandistisch aufgebauscht aber tatsächlich politisch nicht zur Geltung kommen. Der ehemalige Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso, hatte deshalb auch nur eine „implizite“ Zustimmung“ der Bürger zur EU feststellen können, eine erschlichene also. Das Projekt der europäischen Einigung sei in den Augen Furedis vor allem von dem Wunsch geprägt, das geschichtliche Erbe des Abendlandes zu verwerfen. Dieses „eigentliche“ Ziel der Etablierten wird ihren gutgläubigen Untertanen an deren Verhalten in der sogenannten Flüchtlingskrise allmählich bewusst.

„Allein 2017 wurden knapp 170.000 Zuwanderer in den Kriminalstatistiken als Tatverdächtige registriert, das sind etwa 10% aller Zuwanderer.“ Knapp 40.000 Deutsche wurden im gleichen Zeitraum laut BKA-Bundeslagebild Opfer von Straftaten mit mindestens einem Zuwanderer als Tatverdächtigen, Viele der Täter waren bereits straffällig geworden und zur Abschiebung vorgesehen, die aber von Behörden verhindert wurde – braucht man das Bedrohungspotential? Bis Ende Mai registrierten die Behörden 1.900 islamistische Gefährder (im Amtsdeutsch „islamistisch-terroristisches Personenpotenzial“).

Werden Zuwanderer vielleicht als Arbeitskräfte benötigt? Wohl kaum, wenn man die Verhältnisse auf dem deutschen Arbeitsmarkt näher betrachtet. Der Anteil der befristet Beschäftigten im Verhältnis zu allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen ist 2017 auf den bisher noch nie erreichten Wert von 8,3 % gestiegen, und betrifft 3,2 Millionen Beschäftigte. Von diesen unterliegen allein 1,58 Millionen einer „sachgrundlosen Befristungen“. Die Hoffnung der Befristeten in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen zu werden, ist für viele Betroffenen unbegründet. Denn bei 32,8 % der Fälle ist die Befristung verlängert worden. Nur bei 42,3 % wurde 2017 die befristete Stelle in eine unbefristete umgewandelt, für den Reste endete das Arbeitsverhältnis. Über eine Mio. Menschen leben seit über 18 Monate mit einem befristeten Arbeitsverhältnis. Die Anzahl der Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter ist in Deutschland von 2007 bis 2017 um 43 Prozent gestiegen, ihr Anteil liegt inzwischen durchschnittlich bei 2,8% aller Beschäftigten. Die Zahlen ergeben sich aus der Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion.

Außerdem zählt der Armuts-Bericht laut „o-ton-arbeitsmarkt.de“ 6,76 Mio. Empfänger von Arbeitslosengeld oder Hartz-IV. Offiziell gelten nur rund 2,28 Mio. Menschen als „arbeitslos“. Von den fast 6,8 Millionen, die entsprechende Leistungen beziehen, sind mehr als zwei Mio. Kinder oder Jugendliche. Die Armut greift in einem Land, dessen Bevölkerung ausgetauscht werden will/soll, besonders dort um sich. Andere, die ein Arbeitseinkommen anstreben, werden nicht erfasst, etwa diejenigen, die eine sogenannte „Maßnahme“ durchlaufen, älter als 58 Jahre sind oder ein Jahr lang krankgeschrieben waren bzw. kein Angebot für eine Tätigkeitsaufnahme erhalten hatten. Sie zählt die „Bundesagentur für Arbeit“ nicht als arbeitslos, sondern als „unterbeschäftigt“. Auch „Aufstocker“ (deren Mindestlohn Zuzahlung nach Hartz-IV-Gelder erfordert) fallen aus der Statistik. Über die Hälfte aller „Erwerbsfähigen“, die Hartz-IV beziehen, gelten als „nicht arbeitslos“. Trotzdem braucht man Zuwanderer, um Personal für so unterbezahlte Jobs, wie Pflegekräfte, zu bekommen, das sich sonst kaum mehr finden ließe.

Sucht nicht im neo-liberalen Fehlverhalten der „Politiker“. Der Web-Fehler liegt im System der Marktgesellschaft, die sich aus der abendländischen Gesellschaftsformation heraus entwickelt hat und erst heute voll zur Entfaltung kommt. Mehr dazu in meinem Buch: Der Westen, ein Abgesang, Entstehung und Zukunft der westlichen Marktgesellschaft. Der gut belegte Text kann als PDF-Datei für € 15 per e-mail über boettigerdrh@web.de erworben werden. (Eine Buchveröffentlichung wird im Imhof Verlag Petersberg (384 Seiten) vorbereitet).

80 Jahre Entwicklungspolitik des Westens haben dafür gesorgt, dass, wer es noch schafft, Afrika fluchtartig verlässt, um im „reichen“ Westen sein Überleben zu sichern. Sie bringen die ihnen aufgenötigte Erfahrungen mit: Den Kampf ums Überleben, wenn es sein muss, bis auf‘s Messer. Wohin sind aber all die Milliarden Entwicklungshilfe geflossen? Hatte bis 1974 bisher die Investitionspolitik des Westens eine gewisse industrielle Entwicklung der unterentwickelten Länder bewirkt, so trat offiziell am 26.11.1975 mit der Annahme des National Security Decision Memorandum (NSDM) 314 als US-Politikrichtlinie die Bevölkerungskontrolle an deren Stelle. Noch wurde „investiert“ aber ab nun vorwiegend in „unsinnige“ Projekte wie überdimensionierte Flughäfen oder Talsperren, deren Boden kein Wasser halten kann, und Ähnliches. Das war Absicht. John Perkins hat das in seinem Buch Confessions of an Economic Hit Man bei Berrett & Koehler, San Franzisco 2004 sehr eindringlich aus eigener Erfahrung beschrieben. Als auf diese Weise die Verschuldung der Entwicklungsländer gesichert war, flossen die Entwicklungsgelder der Staaten vorwiegend zurück an die privaten Banken, um fällige Zinszahlungen zu decken. Daneben hat die eine oder andere Hilfsorganisation lobenswerter Weise da und dort einen Brunnen gegraben oder ein paar Solar-Herde zum Kochen bereitgestellt.

China ist erst seit 2009 Handelspartner afrikanischer Länder. Die Chinesen investieren tatsächlich in die Güterproduktion, und zwar bereits 100 Milliarden Dollar. Irene Yuan Sun (von McKinsey & Company’s research) The Next Factory of the World: How Chinese Investment Is Reshaping Africa 224 S.  Harvard Business Review Press 2017) berichtet unter anderem, dass Industrieprojekte des Fonds für Entwicklung China-Afrika im letzten Jahr bereits 11.000 Lkws, 300.000 Klimaanlagen, 540.000 Kühlschränke, 390.000 Fernseher und 1,6 Millionen Tonnen Zement – für den afrikanischen Markt, für China und für Drittländer hergestellt haben. Aufgrund der chinesischen Initiative gibt es in Afrika bereits 100 noch in Bau befindliche oder schon fertiggestellte Industrie-Parks. Etwa 40 Prozent sind bereits in Betrieb. Im letzten Jahr haben die Chinesen laut Irene Sun neben anderen Infrastrukturbauten, 34 thermische Großkraftwerke, zehn große und rund 1000 kleinere Wasserkraftwerke in Betrieb genommen. Das seien rentable Projekte. Die gespendete „Afrika-Hilfe“ Chinas habe bisher nicht nur zahlreiche komplette „Medizinische Stationen“ eingerichtet, sondern auch 200.000 Technikern vor Ort und von 40.000 afrikanischer Spezialisten in China ausgebildet. China scheint sein eigenes Entwicklungsbeispiel in Afrika wiederholen zu wollen und strebt eine Fusion des neuen, industriellen Afrikas mit der globalen chinesischen Wirtschaft an. Mit einem Handelsvolumen von zuletzt 170 Milliarden US-Dollar hat China sowohl die USA als auch die alte Kolonialmacht Frankreich als wichtigste Handelspartner des Kontinents hinter sich gelassen.

Präsident Xi Jinping hat am 3.9. zum Auftakt des China-Afrika-Gipfels in Peking zugesagt, über das Geleistete hinaus den Staaten Afrikas mit weiteren 60 Milliarden US-Dollar (51,7 Mrd. Euro) beistehen zu wollen. Das Geld soll in Form von staatlicher Unterstützung sowie Investitionen und Krediten durch chinesische Unternehmen und Banken bereitgestellt werden. Auch sollen, nach Xi‘s Worten, einige Länder von ausstehenden Schulden befreit werden: „Wir begrüßen Afrika im Expresszug der chinesischen Entwicklung“, sagte er vor Dutzenden Staats- und Regierungschefs aus afrikanischen Staaten in Pekings Großer Halle des Volkes (laut dpa). Auf diese Weise findet China eine produktive Nutzung seiner über Jahre angehäuften Dollarbestände, ehe sie sich vielleicht in das auflösen, woraus sie von der Federal Reserve Bank einmal „geschöpft“ worden sind. Die Industrie-Produktion Chinas liege derzeit bei 165 Prozent der US-amerikanischen. Insgesamt produziere China fast so viel Industriegütern wie die USA, Japan und Deutschland zusammengerechnet. Nur bei den Finanzdienstleistungen und Ähnlichem kann China nicht mit dem Westen mithalten.

Ob die chinesische Afrikapolitik Frau Merkels jüngste Reise und Heiko Maasens Millionen Versprechungen als letzte Rettung davor ausgelöst hat? Trump und entsprechende Vertreter des Westens aus Frankreich oder England werden dort kaum noch Gehör finden, sich allenfalls, wie bisher schon, korrupte „Führer“ kaufen können. Doch Chinas Einfluss reicht weiter. Die Direktinvestitionen in die europäische Wirtschaft in den letzten acht Jahren betrugen schon über 100 Milliarden US-Dollar und sorgen in manchem Betrieb, dass dort die Lichter nicht ausgehen. Der chinesischen Milliardär Li Shufu hält z.B. fast zehn Prozent des Daimler-Konzerns. China folgt dem daoistischen Grundsatz, wonach Flexibilität der groben Kraft überlegen ist. Im Gegensatz zum Westen – mit seinen Regimen Changes, Farbrevolutionen, Militärinterventionen und ferngesteuerten Terroristen – agiert China ausschließlich auf friedlichem Weg und mischt sich nicht in die internen Verhältnisse anderer Länder ein. Diese „geschmeidige“ Expansion hat es China ermöglicht, seinen Einfluss auf allen Kontinenten auszuweiten.

Das macht der westlichen Führungsmacht und ihren Vasallen inzwischen Angst. US-Präsident Trump haut mit Sanktionen dazwischen und versucht die USA – wie ein Entwicklungsland – mit Schutzzöllen gegen die Konkurrenz zu schützen, die US-Unternehmen auf der Suche nach billigsten Arbeitskräften hochgezogen hat. Gleichzeitig versucht er seine “Verbündeten” aus dem Markt zu drängen, indem er ihnen durch die US-Kriegspolitik Unmengen von Flüchtlingen ins Land treibt. Gleichzeitig versucht er mit Finanzspekulationen kurzfristig den Dollar aufzupeppen, um die Nachfrage nach Dollar und die Schuldenlast der Schuldner hochzuhalten. Alastair Macleod vom neoliberalen Mises Institute nennt es eine kurzfristige und vergebliche Strategie, denn sie erleichtern es China und Russland andere Länder für ihre Kampagne der Ent-Dollarisierung und des Handels in eigener Währung zu gewinnen.

Die Gründung der „Shanghai Futures Exchange“ könnte der Beginn für das Ende des Dollar-Imperiums sein. Zwar vertrauen die Finanzmärkte noch darauf, dass China nicht am Dollar rütteln werden, weil es damit seinen enormen Dollar-Besitz abwerten würde. Das könne doch nicht im Interesse Chinas sein. Aber warum sollte China diese fiktiven Werte halten? China wirft sie nicht wie Russland zur Abwehr der mit den Sanktionen verbundenen Spekulationswelle gegen den Rubel auf den Markt. Warum auch? Es nutzt seine Dollar ohne großes Tam Tam auf eine viel nützlichere Weise zur Entwicklung Afrikas oder, um die Währungen seiner und künftiger Verbündeter zu schützen (z.B. Russland, Türkei und Iran, dessen Öl es abnimmt), die von den „short“ Verkäufen durch die Wall Street bedroht sind,– und verdient dabei längerfristig sogar noch. Schon April 2015 hatte der Stratege der Volksbefreiungsarmee, General Qiau Liang festgestellt: “Die USA benötigen einen starken ‘Kapital Rückfluss’, um den Lebensstandard der Amerikaner und die US-Wirtschaft zu stützen. Unter diesen Umständen wird, jede Nation, die den Rückfluss von Kapital in die USA blockiert, automatisch zum Feind der USA. Wir müssen diesen Sachverhalt klar verstehen… Um den USA wirksam Einhalt zu gebieten, sollten die anderen Länder in ihrer Strategie mehr darüber nachdenken, wie sie den Kapitalabfluss in die USA unterbinden.“  Auf diese Weise untergräbt China unauffällig Trumps Auftrumpfen mit dem “Starken Dollar”, mit dem er die Türkei, den Iran, auch Venezuela und andere zur Kapitulation zwingen will. Wir stecken in einem auf lange Dauer angelegten asymmetrischen Finanzkrieg, um den überschuldeten Dollar und dessen Derivat, den Euro, aus dem Weltmarkt zu verdrängen. Das geschieht in kleinen Schritten, in denen auf den Gebrauch des Dollars verzichtet wird, beschrieb Alasdair Macleod den Unterschied zwischen Trump’s ‘short game’ und Chinas and Russlands ‘long game’.

Weil der Westen diesen Krieg zu verlieren droht, scheint immer deutlicher mit Hilfe inszenierter Giftgasanschlägen ein heißer Krieg in Syrien angezettelt zu werden. Wird aus dem Dilemma der Marktgesellschaft ein heißer, letzter Weltkrieg? Die Antwort liegt bei keinem anderen als Donald Trump, denn die Gegenspieler Russland und China sitzen am längeren Hebel und können warten.

In Deutschland merkt man von dem allen nichts. Seit dem Tod eines 35-jährigen Familienvaters und der Verletzung zweier Mitbürger in Chemnitz schlagen die Wellen hoch. Statt zu beruhigen, gießt neben den System-Medien ausgerechnet die Bundesregierung mit ihrem “Kampf gegen rechts” offensichtlich aus kurzfristigen Wahlkampfängsten Öl ins Feuer. Die politische Klasse fürchtet ihre üppigen Pfründen zu verlieren. Sie verkennt, wie schon seit Jahren, die Sorgen ihrer Untertanen angesichts wachsender Kriminalität auf der Straße und strafferer Konkurrenz um Arbeitseinkommen und Mietwohnungen.

Die Ermittlungsbehörden der sächsischen Landesregierung hatten z.B. für die Zeit 1.4.2017 bis 30.6.2018 festgestellt, dass „von den insgesamt registrierten 1165 MITAs (Polizeijargon für „mehrfach intensiv tatverdächtige“ berechtigte oder abgelehnte Asylbewerber, oder genauer für die Opfer von 80 Jahren nur vorgetäuschter Entwicklungspolitik) drei Straftaten gegen das Leben, 15 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, 228 Rohheitsdelikte bzw. Straftaten gegen die persönliche Freiheit, 305 Diebstahlsdelikte ohne erschwerende Umstände, 93 Diebstahlsdelikte unter erschwerenden Umständen, 34 Vermögens- und Fälschungsdelikte, 117 sonstige Straftatbestände nach dem Strafgesetzbuch, 191 Straftaten gegen strafrechtliche Nebengesetze (ohne ausländerrechtliche Verstöße) und 44 Verkehrsstraftaten bekannt“ wurden. Weil es deshalb, ausgelöst von dem jüngsten Mordfall, zu vermutlich doch friedlichen Demonstrationen in Chemnitz gekommen war warb Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für ein Konzert am 3.9. in Chemnitz, bei dem westliche „Kultur“-Bands wie „Feine Sahne Fischfilet“ , „Die Toten Hosen“, „Kraftklub“ und „K.I.Z“ gegen „Hass“ und „Ausländerfeindlichkeit“ auftreten sollten?

Anstößig fand nicht nur die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG), dass sich damit die Bundesregierung hinter Gruppen stellt, die Songtexte von sich geben wie „Wir stellen unseren eigenen Trupp zusammen / Und schicken den Mob dann auf euch rauf / Die Bullenhelme – sie sollen fliegen / Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein / Und danach schicken wir euch nach Bayern / Denn die Ostsee soll frei von Bullen sein.“, oder noch treffender „Punk heißt gegen’s Vaterland, das ist doch allen klar / Deutschland verrecke, das wäre wunderbar! / Heute wird geteilt, was das Zeug hält / Deutschland ist scheiße, Deutschland ist Dreck! / Gib mir ein ‘like’ gegen Deutschland / Günther ist Scheiße, Günther ist Dreck!“ Wer „vergiftet“ da wohl in Chemnitz, „mit Hetzparolen die öffentliche Debatte“?“

Dabei passen die Songtexte gegen „die Bullen“ nicht, wohl aber die gegen Deutschland gerichteten zur Praxis der politischen Klasse wie: De-Industrialisierung und Verschwendung öffentlicher und privater Mittel nicht nur durch verlogenen „Klimaschutz“ und entsprechende Energiewende, durch über Jahrzehnte „eingesparte“ Infrastruktur-Erhaltungsinvestitionen , verkommende Schulen, miserable Ausbildung des breiten Nachwuchses, durch verzweifelte Rettungsversuche des Euro-Systems auf Kosten der Sparer und Steuerzahler, durch Verdrängung von Leistungsträger ins Ausland und Hereinholen von Sozialhilfeempfänger usw.

Doch liegt es nicht am neo-liberalen Fehlverhalten der „Politiker“. Der Web-Fehler liegt im System der Marktgesellschaft, die sich aus ihren ersten Anfängen erst heute voll zu entfalten beginnt. Mehr dazu in meinem Buch: Der Westen, ein Abgesang, Entstehung und Zukunft der westlichen Marktgesellschaft. Der gut belegte Text kann als PDF-Datei für € 15 per e-mail über boettigerdrh@web.de erworben werden. (Eine Veröffentlichung im Imhof Verlag Petersberg (384 Seiten) ist im Satz).

Kunst oder Klamauk

Gibt es da keinen Unterschied mehr? Kaum, könnte man angesichts so mancher „Kunst“-Aktion denken.  Eine solche war nach Aussagen des Wiesbadener Theater-Intendanten auch die 4 m hohe vergoldete, erkennbar dargestellte Erdogan-Statue auf dem „Platz der Deutschen Einheit“ in Wiesbaden. Sie löste bis in die USA (Washington Post und New York Times) heftige Diskussionen aus, die sich wesentlich um das Pro und Contra gegenüber dem dargestellten türkischen Spitzenpolitiker drehten. Die Diskussion führten meistens Leute, die selbst nichts außer dem, was ihnen die Medien eintrichtern, über den Mann wissen. Der Mann hat Kurden angegriffen, Ja, aber aus welchem Grund, er hat Deutsche inhaftiert, ja, aber was haben die denn getan, was wirft man ihnen eigentlich vor, er hat den IS unterstützt und damit Syrien angegriffen, genauso wie der Westen mit Waffenlieferungen und strategischer Leitung z.B. vom NATO-Stützpunkt Incirlik in der Türkei aus (während man offiziell vorgibt ihn zu bekämpfen) usw. Andere sehen im Dargestellten den Repräsentanten ihres Staates, mit dem sie sich mehr identifizieren, als mit dem Land, in das sie ungenötigt eingewandert sind.

„Hunderte türkische Staatsbürger zogen spontan mit Autokorsos und Türkeifahnen durch Wiesbaden und machten bis spät in die Nacht klar, wer ihrer Meinung nach das Sagen in der Stadt hat. Doch es gibt auch Gegenstimmen. Unbekannte haben die Statue bereits mit „Fuck You“ beschmiert und ihre Ablehnung gegen Erdogan zum Ausdruck gebracht. Auch in sozialen Netzwerken wird heftig über die Statue diskutiert.“ „Ein voller Erfolg“ also, meint der Intendant genüsslich, denn damit käme zum Vorschein, was unterschwellig in den Köpfen der Leute schmort, und „Kunst muss provozieren!“. Weil die Statue das getan hat, war sie Kunst, sagte unter anderen sinngemäß der Intendant und ein Wiesbadener „Künstler“.

War die Aktion der jungen Männer, die sich angeblich (möglicherweise) an eine Frau heranmachen wollten und, als sie von drei Männern daran gehindert wurden, zugestochen haben, woran der eine starb, die anderen schwer verletzt im Krankenhaus überlebten – war dies auch Kunst? Die Messerhelden haben sicherlich mehr „provoziert“ als der Beton-Klotz in Wiesbaden. Offensichtlich aber nicht genug. Denn der Antifa-Journalist Johannes Grunert musste dem noch eins draufsetzen, in dem er ohne Beweise verbreitete: „Rechte jagen Menschen in Chemnitz“. Das kam bei den medialen und politischen Claqueuren in Deutschland gut an. Sie und die von ihnen umerzogenen Gutmenschen fielen erregt/begeistert darauf herein, weil sie genau dergleichen hören wollten. Nun musste der Chefredakteur der ausgesprochen „linken“ Freien Presse, Torsten Kleditztsch, im Deutschlandfunk zugeben, dass die Journalisten vor Ort keine Hetzjagden beobachten hätten. Die Demonstration war friedlich verlaufen von wenigen „Agent Provocateurs“ am Rande abgesehen (über deren Herkunft und eigentliche Absicht gerätselt wird, weil sie für die dringend nötigen Bilder in den Medien (wenn diese nicht aus dem Archiv stammten) gesorgt haben) Vgl. https://spoekenkiekerei.wordpress.com/2018/08/30/zeitonline-die-bundesregierung-und-die-fakenews-des-jahres/). War das nun auch Kunst? Provoziert hatte man allerlei, trotzdem wird wohl niemand die Frage (außer der Antifa vielleicht) mit „Ja“ beantworten wollen. Offensichtlich gibt es Grenzen der Provokation und damit der „Kunst“.

Ich halte nichts von Grenzen der Provokation, die die Kunst nicht überschreiten sollte. Der eigentliche Unterschied liegt bei dem, was Kunst oder der Klamauk bei Menschen provozieren (zu Deutsch „hervor-rufen“ also so etwas wie „auslösen“) will. Ja, Kunst soll Menschen provozieren, „herausfordern“. Aber wozu, was soll sie hervorrufen? In der abendländischen Gesellschaft sollte die Kunst den Menschen zum Gebrauch seiner Vernunft (nicht zu verwechseln mit dem Verstand) herausfordern. Sie sollte in ihm Resonanz für das Schöne, Gute und Wahre hervorrufen. Damit meinte man nicht etwa schöne, gute und wahre Gegenstände, Klänge oder Texte, sondern Affekte, die den einzelnen Menschen aus den Problemen seines engen Eigenbedarfs auf das für alle Menschen insgesamt not-wendende Allgemeingültige verweist, was die Menschheit schließlich befähigt, kreativ die sich jeweils wieder abzeichnenden Grenzen des Wachstums produktiv zu überwinden also wie der Schöpfer „schöpft“.

In der Marktgesellschaft gilt etwas anderes als Kunst. Das liegt daran, dass in ihr Geldverdienen das einzig relevante Motivation des Handelns ist. Alles andere ist so etwas wie Hobby und rangiert zwischen Spinnerei und abgehobenen Idealismus. Auch Kunst ist in diesem Rahmen ein Geschäft, ein Milliarden-Geschäft. Was soll sie schaffen, womit verdient sie ihr Geld? Sie will in den vom Geldverdienen „verbiesterten“ Menschen in der Freizeit ihre versandeten Emotionen etwas wachrütteln, damit dieser wieder etwas Erregung zu spüren bekommt und dabei „ganz andere“ Erfahrungen machen. Dabei ist es unerheblich, was an Inhalten „erfahren“ werden soll, es kommt in erster Linie auf die Intensität der Erfahrung an, sie sollen den Vereinzelten aus sich herauslocken, am besten „berauschend“ sein. Das reflektiert z.B. das Konzept der sogenannten „Abstrakten Kunst“.

Doch was heißt/sind „verbiesterte“ Menschen? Einer der erste Schriftsteller, der nach dem modernen, postbürgerlichen „Mann ohne Eigenschaften“ den postmodernen Zeitgenossen am radikalsten beschrieben hatte, dürfte – soweit ich sehe – der amerikanische Schriftsteller Joseph Heller gewesen sein. Sein Roman „Was geschah mit Slocum“ (S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.1975 ursprünglich Something Happened 1974) spielt am Arbeitsplatz von Bob Slocum, besagt aber an keiner Stelle, was er dort tut oder was die Firma, für die er arbeitet, herstellt. Das ist konsequent, denn Bob ist das, wie eigentlich alles, was seine Lebensumstände betrifft, „sowas von egal“, genauso wie sein Chef, seine Frau, seine drei Kinder, seine zwei Autos, sein teures Eigenheim im Grünen und eine Unmenge von „Weibern“, mit denen er sich abgibt. Das alles lässt ihn völlig kalt. Er ist wohlhabend, er hat alles, was er braucht. Was ihm fehlt sind Ziele, Wünsche, Herausforderungen. Das – vor allem – weiß und empfindet er. Er ist deshalb gereizt, steckt voller Ressentiments gegen alles und jeden, gegen Frauen, Juden, Ausländer, Arme, Verbrecher, behinderte Menschen und verachtet und hasst doch nur das einzige, was ihm geblieben ist, sein Selbst. Er ahnt, dass er etwas sollen sollte, etwas, das anzustreben sich lohnen könnte, weil es Sinn machte, aber er kann sich nicht aufraffen, sich nicht „zusammenzunehmen“, kann keinen „Sinn“ erkennen, weil er letztlich keinen Nutzen darin sieht.

Der Roman ist ein einziger langer Monolog über dieses enge Selbst. Slocum kennt es genau, er kritisiert es schonungslos und verteidigt es ebenso grundlos. An Verstand fehlt es ihm nicht, wohl aber an Vernunft. Er vernimmt nichts mehr, ihn geht nichts mehr an. Hier könnte Kunst provozieren. Aber was? Auf nahezu 500 Seiten teilt Slocum sich und dem Leser mit, dass er langweilig, schlau, gemein, infantil, kaputt, vernünftig, eitel, kriecherisch, witzig, rachsüchtig, feige, scharfsinnig, rücksichtslos, schäbig, verlogen, geil, wehleidig, wendig und mehr ist. Doch vor allem ist er unveränderlich, weil er keinen zwingenden Grund, keinen Sinn und Nutzen erkennt, sich zu ändern. Eigentlich findet er auch keinen, um irgendetwas zu ändern. In dem, was ihm durch den Kopf geht, wiederholt und widerspricht er sich. Er tut das systematisch und in vollem Bewusstsein und in einem fort.

Der ursprünglicher englische Titel des Romans „Something happened“ bedeutet im Grunde, dass Nichts geschieht, obwohl der Romanheld eigentlich aufregende Dinge in ständiger Reflexion im Kopf wälzt: Familienkrachs, Bürointrigen, Hurereien. Doch das ist alles Nichts. Josef Heller beschreibt, -übertrieben vielleicht – worauf das Leben einer typischen Figur der modernen, gehobenen, systemtragenden Mittelschicht mit ihrer rationalen Willkür, Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit letzten Endes hinausläuft. Kunst sollte, wenn sie denn Kunst wäre, einen solchen Menschen aus diesem circulus viciosus herausrufen, ihn aus dem Strudel des gängigen Narzissmus herausprovozieren. Das versucht der Verfasser, indem er dem Typen möglichst überzeugend den Spiegel vorhält und fragt: Willst Du nicht doch etwas anderes als ein solch langweiliges Ich, wie Slocum. Klamauk würde versuchen, den normalen Narzissten vom masochistischen Genuss seiner Selbst zeitweise abzulenken, indem er ihm etwas bietet, etwas, was er noch nicht erlebt hat, etwas „Unerhörtes“, etwas, was ihn vielleicht noch „aufzuregen“ vermag.

Die von Heller beschriebenen Narzissmus-Symptome scheinen in Gesellschaften umso ausgeprägter aufzutreten, je individualistischer und Allgemeinheit-vergessener das Selbstverständnis ihrer Mitglieder ist (wobei „allgemein“ das wäre, was die Gesamtheit und Gemeinsamkeit der Bürger betrifft und in einer „Demokratie“ angehen sollte). Dass es sich beim alltäglichen Narzissmus um eine Krankheit handelt, fällt dem einzelnen Betroffenen in einer narzisstischen Gesellschaftsformation wie der Marktgesellschaft kaum auf. Der Betroffene giert danach, aus dem narzisstischen Strudel der hoffnungslosen Selbstreflexion von jemandem herausgeholt zu werden und ist bereit dafür, für den Klamauk, auch zu bezahlen, weil und wenn dieser ihn wenigstens vorübergehend von den schmerzhaften Leidensmomenten der Krankheit ablenkt. Deshalb sind auch „Comedians“ so gefragt, oder auch kritische „actions“ bis hin zum bloßen “Krimi“. Da lässt man sich, wenn sie „gut“ sind, vorübergehend und möglichst „voll engagiert“ in das Für und Wider von Dingen einvernehmen, mit denen man sich ernsthaft nicht auseinandergesetzt hat, weil das keinen Spaß machen würde, anstrengend wäre und – vor allem – sich nicht auszahlt. Dafür bezahlt man schließlich jemanden (Medien, Experten, Künstler, Gurus, superkritische Komiker, – je nach dem) für die Mühe, die sich der/die Betreffende(n) mach(t)en, einen aus sich herauszulocken, engagieren, kurz: zu erregen.

Wer von den Kernkraft-Gegnern, Klima-Besorgten, Erdogan-Kritikern etc., weiß ernsthaft, wofür oder wogegen er sich engagiert. Dazu wäre eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenstand nötig. Die macht Arbeit, und Arbeit muss sich in der Marktgesellschaft auszahlen. Dabei wäre die Intensität der Auseinandersetzung das Maß für die Ehrlichkeit des Engagements. Genau darauf kommt es beim Klamauk nicht an, sondern auf den möglichst rauschhaften Genuss der Erfahrung des sich gelegentlich für oder gegen etwas möglichst affektiv zu Positionierens. Das eigentliche Problem ist die „Ernsthaftigkeit“, die Slocum wie den meisten Zeitgenossen fehlt, weil die Stelle in der Marktgesellschaft vom Geldgewinn besetzt ist.

Kunst hätte die Zeitgenossen dazu zu provozieren, sich aufzuraffen, sich „zusammenzunehmen“ für ein ernsthaftes (nicht leichtfertig von außen induziertes) Engagement des eigenen Lebens für etwas, was für die Allgemeinheit und nicht nur für das enge bloße Selbst Sinn machen würde. „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein“, dichtete einer der Dichter der Vor-Marktgesellschaft. Um das Leben einzusetzen muss die eigene, von Heller am Beispiel Slocum demonstrierte Leblosigkeit nicht zynisch als Überheblichkeit genossen, sondern als Krankheit ernstgenommen werden, die, um zu leben, überwunden werden muss. Dazu zu provozieren, hat Heller mit seinem Kunstwerk versucht.

Konnte die Erdogan-Skulptur auf dem Wiesbadner Platz der deutschen Einheit etwas in diese Richtung bewegen, wollte sie es überhaupt? Sie provozierte ein lautes sich mehr oder weniger un-ernsthaftes Engagement in einer Sache, die man im Grund nicht näher kennt, an der man sich aber mit gutem (medial vermitteltem) Gewissen aufregen lassen kann. Das dabei gezeigt Engagement bleibt folgenlos aber für den Genuss der kurzfristigen Erregung hat es – wie beim Klamauk üblich – gesorgt. Am Rande des Geschehens stehen die Verursacher der vorhergesehenen und geplanten Erregung der Viel-zu-Vielen und genießen den Erfolg: Wieder ist es ihnen gelungen, die verbiesterten kleinen Leute für Nichts und folgenlos aus der Reserve zu locken. What next?

Christopher Laschs recht überzeugende Beschreibung des Narzissmus als Struktur der westlichen Lebensweise (Das Zeitalter des Narzissmus. Hoffmann & Campe Hamburg 1995, ursprünglich The culture of narcissism: American life in an age of diminishing expectations 1979) konnte wegen angeblich methodischer Schwächen zurückgewiesen und die Betroffenen so vor der Wahrnehmung geschützt werden. Der Psychiater Stefan Röpke und die Psychologin Aline Vater am Campus Benjamin Franklin der Charité Universitätsmedizin Berlin (CBF) haben mit der Untersuchung der narzisstischen Tendenzen in Ost und Westdeutschland wieder einmal die Finger in die dick verbundene Wunde legen wollen. (Pathologischer Narzissmus als Gesellschaftsphänomen. Vortrag auf dem Kongress der (DGPPN) vom 23.-25.11.2016).  Sie konnten an Hand der Eingliederung der ostdeutschen, eher kollektivistischen Gesellschaft in die individualistische des Westens zeigen, dass die Menschen, die in Westdeutschland aufgewachsen sind, im Allgemeinen narzisstischer als die Ostdeutschen sind und zugleich „ein niedrigeres Selbstwertgefühl als die ostdeutsche Vergleichsgruppe aufgewiesen haben.“ Doch nach der Wende schienen sich die jüngeren Menschen im Osten rasch denjenigen im Westens anzugleichen.

Mehr dazu und zur Entstehung des Problems in meinem Text: Der Westen, ein Abgesang, Entstehung und Zukunft der westlichen Marktgesellschaft. Der Text: 204 engbeschriebene DIN A 4 Seiten mit 875 Anmerkungen gut belegt. Er kann als PDF-Datei für € 15 per e-mail über boettigerdrh@web.de erworben werden. (Eine Veröffentlichung im Imhof Verlag Petersberg ist in Vorbereitung).

Diplomatie oder Drohgebärde

Nach 20 Jahren Kontroverse einigten sich Russland, Iran, Kasachstan, Turkmenistan und Aserbaidschan in der kasachischen Hafenstadt Aqtau darauf, das größte Binnengewässer der Welt, das Kaspische Meer mit seinen Öl- und Gasvorräten, untereinander aufzuteilen und die Ressourcen gemeinsam zu erschließen. Die Vereinbarung „verankert das ausschließliche Recht und die Verantwortung unserer Länder für das Schicksal des Kaspischen Meeres und etabliert klare Regeln für seine gemeinsame Nutzung“, kommentierte der russische Präsident Putin die Ergebnisse des Gipfeltreffens. Der erzielte Erfolg sei – laut TASS – durch ein hohes Maß an Vertrauen und gegenseitigem Verständnis zwischen den Führern der kaspischen Staaten, ihre Bereitschaft, in der Logik des Respekts, der Partnerschaft und der Gleichheit zu handeln, möglich geworden.

Die Anrainerstaaten einigten sich auf die Einrichtung einer 15-Meilen-Zone als Abgrenzung der jeweiligen Hoheitsgebiete. 10 Meilen darüber hinaus besitzen sie die ausschließlichen Fischereirechte. Die Einigung bildet die Grundlage für die Zusammenarbeit bei Erschließung der Öl- und Gas-Vorkommen des Kaspischen Meeres. Ausdrücklich schrieb man fest, dass ausschließlich Anrainerstaaten im Bereich Kaspisches Meer militärisch in Erscheinung treten dürften. Dazu wollen die 5 Staaten im militärischen Bereich zusammenarbeiten. Das Abkommen war in erster Linie ein Erfolg bei der Beilegung des langjährigen Streits über die Aufteilung der reichen Schelfvorkommen zwischen dem Iran und dem benachbarten Aserbaidschan. Boden und Gewässer werden zu verschiedenen Teilen zwischen den Staaten in ein territoriales Gewässer, ein Fischereigewässer der Teilnehmerstaaten und ein von allen nutzbares „gemeinsames Gewässer“ aufgeteilt. Russland, Iran und Aserbaidschan einigten sich auch auf den gemeinsamen Bau der Pipelines zum Abtransport der Energieressourcen.

Dagegen überziehen die USA ein Land nach dem anderen aus allerlei vorgeschobenen, seltsamen Gründen mit Sanktionen. Ihre politische Führung hofft damit, ihre strukturellen Handelsdefizite gegenüber dem Rest der Welt, die sie mit ihrer Dollar-Politik über Jahrzehnte aufgebaut haben, auf Kosten der anderer beseitigen zu können. Die von Wahlkampfspenden abhängigen US-Kongressabgeordneten überbieten sich gegenseitig beim Versuch, Russland die härtesten Sanktionen aufzuerlegen und fördern damit die wirtschaftliche Selbständigkeit und diplomatische Weltgeltung ihres „Gegners“. Die Liste der Länder, welche die Sanktionen der USA, insbesondere die Sanktionen gegen iranische Ölexporte ignorieren wollen, wird immer länger. Viele beginnen das zu glauben, was der russische Finanzminister kürzlich verlauten ließ, nämlich dass die Werthaltigkeit des US-Dollars „unzuverlässig“ sei. Eine Reihe neuer russischer und chinesischer Waffensysteme neutralisieren weitgehend die Fähigkeit der USA, die Welt militärisch zu dominieren. Die USA reagieren dagegen mit neuen Rekorden ihres bereits jetzt schon überdimensionalen und offensichtlich wenig effektiven Rüstungshaushalts. Gleichzeitig machen die Taliban im bisher längsten Krieg der USA stetig Geländegewinne, kontrollieren schon über die Hälfte Afghanistans. Sie rufen zunehmend die Erfolge der USA in Vietnam in Erinnerung. Unterdessen bläht sich die US-Verschuldung weiter auf, wobei die Geldgeber mysteriöse, möglicherweise gar nicht existierende „Andere“, vielleicht nur Druckmaschinen sind.

Die EU-Führer dackeln, trotz anderslautender trotziger Worte, der westlichen Führungsmacht wie bisher willfährig hinterher. Doch auch die EU brüstet sich mit einem großartigen diplomatischen Erfolg, mit dem sie Griechenland unter dem ESM-Rettungsschirm hervorgeholt zu haben glauben. Man habe mit gemeinsamen Anstrengungen Griechenland aus der finanziellen Abhängigkeit herausgeführt, so dass es nun finanziell wieder auf eigenen Beinen stehen könne, ließ Brüssel die Untertanen wissen. Man will natürlich nicht daran erinnern, dass man Griechenland mit manipulierten Daten (sogenannten Swap-Geschäfte zur Verschleierung der griechischen Defizitzahlen) den Eintritt in die Eurozone ermöglicht hatte, denn das geschah mit Hilfe der US-Investmentbank Goldman Sachs, die an dem Täuschungsbetrug gut verdient hat. Vizepräsident der Bank in Europa war damals ein Mario Draghi, der nun mit Hilfe unserer Politiker als EZB-Chef die EU-Steuerzahler zum Ausbügeln dieses Betrugs mit rund 289 Milliarden Euro zur Kasse bitten durfte. Am 20.8. 2018 endete das dritte griechische Hilfsprogramm mit einem weiteren Beitrag von 86 Mrd. Euro, von denen nur 46,9 Mrd. tatsächlich ausbezahlt werden, 15 Mrd. Euro dienen zum Aufbau eines Finanzpuffers. Obendrein erlaubt man Griechenland, mit der Schuldenrückzahlung aus dem zweiten Hilfsprogramm zehn Jahre später, als bisher vorgesehen, zu beginnen. Glaubt irgendjemand daran, dass es jemals zu einer Rückzahlung kommen werde? Nur die Drohung der Rückforderung, will man – wie auch sonst – als Druckmittel beibehalten.

Nun freuen sich die Europäischen Politiker, die diese teure „Rettung“ abgenickt haben, dass es ab jetzt in dem bankrotten Staat aufwärts gehe und er nicht mehr auf Hilfe von außen angewiesen sei. Bundesfinanzminister Olaf Scholz sagte wörtlich: „Der Abschluss des Griechenland-Programms ist ein Erfolg. Die düsteren Prophezeiungen der Untergangspropheten sind nicht eingetreten. Das ist gut“. Im Februar 2018 hatte er als Hamburger Bürgermeister auch den skandalösen Zwangsverkauf der gescheiterten HSH Nordbank als „sehr gutes Ergebnis“ bezeichnet. EU-Finanzkommissar Pierre Moscovici tönte: „Die griechische Krise ist heute Abend vorbei“. „Gerettet“ wurde nicht Griechenland, sondern seine zweifelhafte Finanzelite und deren Gläubigerbanken. Die griechische Bevölkerung erlebte dafür schmerzhafte Reformen. Gerd Höhler fasst das Ergebnis im „Handelsblatt“ so zusammen: „Die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie zu Beginn des Programms, über eine Million Menschen verloren ihre Jobs. Löhne und Renten fielen seit 2010 im Durchschnitt um 30 Prozent. Die Wirtschaftskraft schrumpfte um ein Viertel. Die Industrieproduktion befindet sich heute auf dem Niveau von 1994! Dafür ist der Schuldenberg höher denn je: Die Schuldenquote stieg von 126 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Ende 2009 auf 187 Prozent (andere errechneten 191%) im Juni 2018. Das Land ist ausgezehrt, die Menschen sind mutlos.“

Die sogenannten „non-performing loans“ (NPLs) (drei Monate lang nicht bediente Kredite) belaufen sich auf 48,5 % aller Kredite in Griechenland. Bei den Unternehmenskrediten sind es sogar 49,6 % (in Deutschland etwa 2,5 %). Die Bundesregierung, insbesondere Finanzminister Scholz, macht für die griechischen NPLs die „Finanz- und Euro-Krise von 2007/10“ verantwortlich und nennt das eine „vorübergehende Altlast“. Diese wächst allerdings immer noch von Quartal zu Quartal. Das will man in Brüssel nicht wahrhaben, weil man den Abbau der NPLs zur Voraussetzung für die Einführung von EDIS (des Bankeinlagen-Vergemeinschaftungs-System) erklärt hatte, davon aber wie von den Maastricht-Kriterien von 1982 wieder abkommen will. Deshalb werden die NPL-Altlasten medial klein- oder weggeredet. Sie werden deshalb aber nicht verschwinden.

Das ist noch nicht alles: Griechenland hat trotz härtester drakonischer Sparmaßnahmen noch immer oder schon wieder rund 350 Mrd. Euro Verbindlichkeiten (inzwischen 191 % der Wirtschaftsleistung). Sie sind trotz des Ausverkaufs der wichtigsten Wirtschaftsgüter („Privatisierung“ genannt) wieder fast so hoch wie 2012. Sie haben seit dem Schuldenschnitt kontinuierlich zugenommen. Auch von dem Anfang 2018 medial hochgejubelten Haushaltsüberschuss Griechenlands von angeblich 7 Mrd. Euro, ist bei näherer Betrachtung nichts zu sehen. Nimmt man Zinszahlungen, Steuerrückzahlungen und Rückstellungen für Rentenverträge hinzu, ergibt sich ein Defizit von 6,3 Mrd. Euro. 40 % der Griechen leben in Armut und sind von sozialer Ausgrenzung bedroht. 21 % der Griechen suchen vergeblich nach einem Arbeitseinkommen. Bei den Jugendlichen sind es sogar 45,4 %, obwohl 300.000 junge, zumeist besser qualifizierte Leute das Land inzwischen verlassen haben und für einen möglichen Wiederaufbau des Landes fehlen. Mit der Jugend verliert ein Land seine Zukunft. Das Gleiche gilt freiwillig für Deutschland („Jedes dritte Kind lebt in Deutschland unter der Armutsgrenze“ nach Berechnungen des Deutschen Kinderschutzbundes, DKSB) und unfreiwillig etwa für Syrien. So sieht „Rettung“ europa-politisch aus.

Das Griechenland-Debakel lief unter der von den Zentralbanken geschaffenen Geldflut des sogenannten Quantitative Easing (QE) ab. Draghi schuf in den letzten 43 Monaten 2,7 Billionen Dollar, die US-Notenbank fast 4 Billionen USD – aus dem Nichts. Die globalistische Elite glaubt, die Wirtschaft boome, und will zu „normaleren finanziellen Verhältnissen“ zurück, meint die Financial Times. Sie glaubt, die Geldflut ließe sich in die Kanäle einer „normalisierten“ Geldpolitik, der Handelskriege, Ersatz-Kriege, der Billionen- Schulden, der Dollar-Defizite und der wachsenden sozialen Bedürfnisse einer hoffnungslos indoktrinierten Bevölkerung einfangen.

Was die enorme Geldflut überhaupt nicht schaffte, war neuer breitenwirksamer Wohlstand. Sie inflationierte die Preise der Wertpapiere und sorgte marktgerecht für die Wohlstands-Umverteilung von unten nach oben. Sparer verloren Milliarden Euro zu Gunsten der Großbanken und Großspekulanten, die das „neu geschöpfte“ Geld zum Ausgleich ihrer verspielten „Trades“ zugesteckt bekamen. Gleichzeitig werden Rentenkassen durch Niedrigzinsen ruiniert, die Altersvorsorge vieler Bürger abgeschöpft und Kredit-Schulden in Rekordhöhe allgemein über die Steuerzahler und speziell über mittlere und kleinere Produktionsbetriebe aufgehäuft.

„Wir mussten doch das System retten!“ rechtfertigten sich die Zentralbanker. Wäre das ihr Motiv gewesen, hätten sie damit spätestens Mitte 2009 aufhören müssen. Stattdessen setzten sie ihre Umverteilung (Asset-Werte-Aufbau durch Schulden-Aufbau) zugunsten des einen Prozent der extranationalen Superreichen fort und intensivierten sie in den letzten beiden Jahren (2016 bis 2017). In einem solchen Umfeld gibt es keinen Spielraum für Investoren (wer soll denn die zusätzlichen Produkte kaufen können?). Alle, die noch über größere Geldvolumen verfügen, werden des Werterhalts wegen genötigt, zu spekulieren und dabei zu versuchen, die Denke einer winzigen Gruppe von Bankiers vorauszuahnen.

Die Preise fiktiver Vermögenswerte und Rohstoffe sind dabei zu Werkzeugen der Politik und der Propaganda geworden und sollen daher nicht dem Zufall (einem Markt) überlassen bleiben. Denn diese Preise müssen genauso die „richtigen“ Signale liefern, wie bestimmte Nachrichtenkanäle immer die gewünschten Meinungen vortragen müssen. Ihre unbegründeten Wiederholungen schaffen ihre eigene Realität in den Köpfen der Mehrheiten. Die über die Geldflut handhabbaren Finanzmärkte sind zu „den Märkten“ schlechthin geworden. Sie liefern keine brauchbaren Signale über die „Gesundheit der Wirtschaft“ (wenn man darunter die Versorgung der Menschen mit materiellen Gütern versteht) und schon gar nicht bezüglich deren Zukunft. Stattdessen deuten sie an, was uns die Oberschicht hören lassen will. Wenn nur weiterhin die Bedingungen für weiter steigende Aktien-, Anleihe- und Immobilienpreise erfüllt werden und andere für die Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht werden, sind die meisten „gehobeneren“ Leute zufrieden, wollen den Dingen ihren Lauf lassen und nicht allzu gründlich nachdenken.

Wird zur endgültigen Ablenkung schließlich ein heißer Krieg inszeniert, wie es die militärischen Entwicklungen an der Ostgrenze der NATO andeuten? In diesem Licht betrachtet machen die theatralischen Verteufelungsversuche Russlands seitens der globalistischen Elite und ihrer Medien plötzlich erschreckend viel Sinn.

Mehr zur Entstehung und Vorgehensweise des globalistischen Elite des Westens in meinem Text: Der Westen, ein Abgesang, Entstehung und Zukunft der westlichen Marktgesellschaft. Die Fehlentwicklung des Westens ergab sich nicht zufällig, sondern ist in einer sogenannten „Marktgesellschaft“ systemisch bedingt. Der Text: 204 engbeschriebene DIN A 4 Seiten mit 875 Anmerkungen gut belegt. Er kann als PDF-Datei für € 15 per e-mail über boettigerdrh@web.de erworben werden. (Eine Buchveröffentlichung ist in Vorbereitung).

Ältere Artikel »