Feststellung, Meinung, Wahrnehmung, Was wir wissen
28. August 2010 von admin
Regieren macht Spaß,
regiert werden weniger. Letzteres müsste nicht sein, weil jeder gerne Anregungen annimmt, wenn er in Schwierigkeiten steckt oder sie ihm etwas brächten. Nur, regiert werden, bringt zur Zeit überhaupt nichts, weniger als Nichts, nur Belästigung und Verluste. Aber warum ändert man das nicht? In der Demokratie sollte man anmaßende Politiker abwählen und ersetzen können, wenn eine Mehrheit unter ihnen leidet. In Deutschland scheint aber die Mehrheit, ohne es zu wissen, genau das zu fordern, worunter sie leidet. Zuwenig Energie, absurde Technologie, keine Arbeit. Wie wären sonst so etwas wie „Ausstieg aus der Kernenergie“, oder Proteste gegen den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs denkbar.
Bei Kernenergie mag es Risiken geben, vielleicht wäre der Arbeits-, Baumaterial- und sonstige Mittel-Einsatz anderswo besser angebracht als am Stuttgarter Bahnhof. Darüber ließe sich an Hand von Kriterien reden. Dass Wind-, Sonne- und Kot-Energie keine ernsthafte Alternative zur Versorgung einer Industriegesellschaft bieten, sollte logisch klar sein. Logik hat aber im Schrebergarten der Egozentriker keinen Platz. Dass man statt des Stuttgarter Bahnhofs die Mittel lieber für Magnetbahnverbindungen zwischen den Bevölkerungszentren einsetzen sollte, wäre auch meine Meinung, aber nicht die der Demonstranten. Die wollen…, ja was wollen die eigentlich? Sie wollen verhindern, nichts weiter. Sie wollen mickrig bleiben dürfen, wie sie sind. Nur keine Veränderung und wenn schon eine, dann eine zurück zur Natur, das heißt zum Traumland der Urlaubsparadiese – am liebsten zurück in den Uterus. Ursache dieser Einstellung ist Angst, diffuse Angst.
Wenn selbst die Mehrheit sich wählt, worunter sie zu leiden hat, was unterscheidet dann Demokratie und Tyrannis – oder moderner – Diktatur? Man kann an Unterschiede nur glauben, wenn man vergisst, dass auch der Tyrann Menschen braucht, die für ihn die Arbeit machen und die Minderheiten, die nicht einverstanden sind, niederhalten. Denn auch der Diktator ist auf Mehrheiten angewiesen. Andernfalls würde der Diktator sein Diktat verkünden, wie es vor Jahren jener „Napoléon“ aus der Heil und Pflegeanstalt auf dem Marktplatz in Erlangen tat. Er posaunte seine Thesen dort laut und wortgewandt herum (er hatte Ausgang, weil er als „ungefährlich“ galt). Die Menschen, die ihn kannten, lächelten ihm freundlich zu, die ihn nicht kannten, schüttelten nur den Kopf. Manche fühlten sich belästigt, und alle gingen ihren Geschäften nach, ohne seinetwegen mehr Steuern zu zahlen, mehr sauer verdientes Geld durch mehr Inflation gestohlen und von Bürokraten noch mehr Vorschriften gemacht zu bekommen. Der Unterschied liegt allenfalls in der Methode der Mehrheitsbeschaffung.
Weil es so schwer ist, Mehrheiten zu verändern, wurden in der Antike Tyrannen in der Regel nicht abgewählt, sondern ermordet. Was danach kam, war im Großen und Ganzen nicht besser, allenfalls setzte sich die neue Mehrheit etwas anders zusammen. In der Demokratie wird eine andere Regierung gewählt, ohne dass die Mehrheit, auf die sie stützt, sich im Großen und Ganzen sich ändert – das ist der Unterschied. Woran mag das liegen? Einer der Gründe liegt wohl in der „Wahr“-Nehmung (aktiv!) der Menschen.
Im ungebremsten Spiel der Massenhandhabe verschwimmen für die meisten die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion. Große Menschenmengen können nicht zwischen Wahrheit und Fiktion unterscheiden. Wenn jemand in den Medien vor einer Menschenmenge behauptet, dass Bösewichter das Klima zerstören oder Marsmenschen einen Angriff auf die Erde planen und man sich dagegen schützen müsse, wird kaum ein einzelner in der Menge ihm aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen und Kenntnisse widersprechen können. Allerdings kommt es zunächst zum Widerspruch, solange das, was er sagt, ganz neu und „unerhört“ ist. Wenn es aber immer wieder gesagt werden kann und ihm niemand außer irgendwelchen komischen (das Wort kommt von „dörflich“ und meint ursprünglich Leute, die nicht in der herrschenden Mode „in“ sind) „Außenseiter“ widerspricht, beginnt man je nach Veranlagung früher oder später, „es auch so zu sehen.“
Welcher durchschnittliche Investor fragt sich wohl: Woher weiß ich denn, wie viel das Wertpapier, das man mir andrehen will, wert ist. Er wird mit Argumenten überschüttet, die alle im Grunde nur – je nach Geschicklichkeit des Verkäufers – mehr oder weniger direkt seine Gier kitzeln und die Hoffnung, den Schwarzen Peter rechtzeitig weiterreichen zu können. Die Menge denkt in Vorstellungen, die sie sich mit einer Reihe bildhafter Assoziationen ausmalt, die ästhetisch manches, logisch wenig mit einander zu tun haben. Der einzelne macht seine persönlichen Erfahrungen im Leben, auf die er sich logisch beziehen kann. Die Masse macht keine Erfahrungen, sie lebt von Suggestionen, die sich aus den bildhaften Assoziationen und eingearbeiteten Sekundär-Informationen ausbilden. Daraus formt sich ein abstraktes Wissen, von dem man denkt, dass man es wüsste. „Der Markt regelt den Preis“: wer hat dem Herrn dabei zugesehen, wer hat das irgendwo mit erlebt? Aber die meisten werden zu „wissen“ glauben, dass es so ist. Tatsächlich übernimmt man Aussagen und Bilder derjenigen, die ihr „Wissen“ über Medien verbreiten dürfen.
Erfahrungen leiten sich aus Sachverhalten des täglichen Lebens ab. Wenn es z.B. um politische Programme und Aufgaben geht, dann werden Dinge ohne Sitz in der eigenen Erfahrung, Dinge, die man sich nicht geklärt, auf die persönlichen Lebensumstände abgebildet und zur persönlichen Meinung geformt. Wird behauptet, Kernenergie sei gefährlich, so assoziiert man etwas, das zu ergründen man sich nicht die Mühe macht, mit der persönlichen Lebensunsicherheit. Das zu tun erleichtern Bilder von Hiroshima bis Tschernobyl aufgepeppt mit der Erfahrung, von denen da oben doch nur über den Tisch gezogen zu werden, und der Projektion der eigenen Gier auf diejenige „der Industrie“, die doch nur rücksichtslos Geschäfte machen will. Die Herkunft der einzelnen Komponenten der persönlichen Meinung wird nicht reflektiert. Die Meinung steht und ihr entsprechend reagiert man solange es nicht zu einer persönlich existentiellen Erschütterung, zu „kognitiven Dissonanzen“ kommt.
Eine Menge ist sich über gar nichts sicher. In der Menge geht die individuelle Erfahrung, so bunt und nuanciert sie sein mag, unter. Man mag sich einzelne besondere Sonnen- oder Frosttage erinnern, aber nicht an das Wetter oder gar das Klima der letzten Jahre. Ebenso mag man sich an Einzelheiten in der erlebten Geschichte erinnern zum Beispiel an den Tag, an dem sich die Mauer öffnete, oder als die Türme des WTC einstürzten. Das Gesamtbild der Ereignisse ergibt sich aus dem allgemeinen, vereinheitlichten öffentlichen Gedächtnis.
In der Antike bildete sich das öffentliche Gedächtnis auf dem Marktplatz, man hörte dem Redner zu, war begeistert, aber schon auf dem Nachhauseweg kamen Zweifel und dann musste man wieder hinaus, das Feld zu bestellen. Die technologische Entwicklung nahm einem nicht nur die Rückenschmerzen, sondern auch das Erlebnis des Ertrags ab. Heute blieben davon nur die Eintragungen auf dem Bankkonto. Man begibt sich nicht mehr auf den Marktplatz, um zu erfahren was demnächst „in“ zu sein hat. In der Kneipe hört man, was bei jedem trotz aller individuellen Eigenart bereits „in“ ist. Man erzählt einander, was Sozio- Psychologen in den modernen Kommunikationsmittel aus den eigenen Erfahrungen und Nicht-Erfahrungen gemacht haben und auf die Kanäle schicken. In fast jeder freien Minute binden sie den Einzelnen bei aller möglichen individuellen oder auch einsamen Erfahrung in ein Gefühl quasi gemeinschaftlichen Handelns („Deutschland wird Weltmeister“), Erfahrens und Denkens ein. Medien stellen in einer scheinbaren Vielfalt sicher, dass fast alle Menschen die gleiche Interpretation ihrer gleichgeschalteten dürftigen Erfahrungen bekommen und nahezu das Gleiche denken, und es sich gegenseitig zur Bestärkung brühwarm erzählen. Lässt es sich leichter und besser regieren als so?
Deshalb wird in der Regel auch kein Regierender mehr ermordet, höchstens wenn einer aus der Reihe seiner „Mehrheit“ tanzt und mit großer Unterstützung von anderswoher das anleiern will, was er selbst für richtig hält (von Kennedy wird so ein Versuch hinsichtlich der US-Währung erzählt). Der Hauptgrund dafür, dass dies kaum mehr geschieht, liegt anders wo. Die eigentliche Macht(Geld)Mehrheit, das heißt diejenigen, die kraft ihrer Mittel vorgeben kann, was unternehmerisch gemacht, investiert oder gekauft werden kann, haben vorgesorgt. Sie verfügen nicht nur über diejenigen, die gerade die Regierungsfunktionen ausüben, die (von W. Pareto) sogenannten „Löwen“, sondern sie haben rechtzeitig schon die aller Wahrscheinlichkeit nach Unzufriedenen organisiert, die potentielle Realopposition, „die Füchse“. Das heißt sie hat sie durch Verleihung ihrer Mittel bereits von sich und ihren stillen Weisungen (Tipps, Informationen usw.) abhängig gemacht. Versuchen die derzeitigen Inhaber der Regierungsfunktion aus dem Gleis zu springen, erhebt sich prompt eine Gegenbewegung „im Volk“ und fegt sie notfalls hinweg, die Füchsen lösen die Löwen ab.
Revolutionen können viel Porzellan zerschlagen. Das kann nicht nur teuer sein, sondern sie können „kognitiven Dissonanzen“ auslösen, die die bereits etablierte Interpretation der je „eigenen Erfahrung“ in den Köpfen der Untertanen durcheinanderbringen würde. Deshalb hat sich die Regierung die Arbeitsweise der eigentlichen Träger ihrer Mehrheit, die Elite im Hintergrund, zum Vorbild genommen und sich ihre eigene, an der Regierung beteiligte Scheinopposition geschaffen, die versucht, den sich in der Gesellschaft formierenden „Füchsen“ den Wind aus den Segeln und die Argumente aus der Rhetorik zu nehmen. Ein Wechsel zwischen Regierung und dieser Opposition zerschlägt kein Porzellan, man nimmt „die Wende“ – von Gesichtern abgesehen – nicht einmal wahr.
Natürlich weiß man auch höheren Orts über menschlichen Trotz Bescheid, unterhält man doch Psycho- und Soziologen in Hülle und Fülle. Deshalb gibt es im Unterschied zu Diktaturen nicht nur eine Meinung, sondern mindestens zwei entgegengesetzte, rechte – linke, schwarze – rote, kommunistisch/sozialistische – liberale/kapitalistische usw. Sie laufen alle auf das Gleiche hinaus: countervailing powers, sich gegenseitig aufhebende Kräfte. Diese sollten nach John Kenneth Galbraith die Bildung von Übermacht auf dem Markt verhindern, sorgen aber tatsächlich für den Machterhalt der Übermacht.
Gibt es keinen Ausweg aus diesem Dilemma? Die „preußischen“ Reformer und ihre „Klassik“ meinten einen erkannt zu haben. Sie nannten es „Bildung“, und verstanden darunter das Gegenteil von der heutigen Qualifizierung, der In-Form-Bringung zur Brauchbarkeit. Bildung sollte einmal helfen, über den Rand der eigenen Brille den Entwicklungsprozess und die Entwicklungsnotwendigkeit des Ganzen zu erkennen, sie sollte befähigen, den Widerspruch zwischen Einzel-Interesse und Gesamt-Interesse „dialektisch“ (d.h. nicht auf Kosten einer Seite, sondern zu Gunsten einer höheren Ebene im „Beruf als Berufung“) aufzuheben. Zu dieser Befähigung sollte vor allem die ästhetisch/moralische Erziehung, die Bildung des Geschmacks als Grundlage der Urteilskraft führen. Für diesen Weg wurde dann, wie Fr. Schiller, einer ihrer Vertreter, sagte „die Weltgeschichte das Weltgericht“. An die Stelle der von der Frankfurter Schule als affirmativ verschrieenen Kultur ist nun der Kult der egozentrischen Hässlichkeit getreten. Jeder kurvt um die Bildwelt seiner eigenen Meinungen und bekommt sie im Kulturgeschehen von allen Seiten nur verstärkt zurückgespiegelt.
Doch bleibt das Prinzip Hoffnung und, bis ein anderer zielführender Weg gefunden wird, nur die Hoffnung des Banalen: „(bittere)Erfahrung wird klug machen“. Wird sie das, soll sie das?





