Aufschwung, Effizienzsteigerung, EU-Rohstoffsteuer, Fastenguru
21. August 2010 von admin
Effizient sparen
Jubel allenthalben in der Politik! Der Aufschwung in Deutschland sei über alle Erwartungen positiv (fragt sich nur, für wen?) Der Wähler denkt, für ihn, und hört die Botschaft gerne. Aber gleich sind wieder die Miesmacher zur Stelle: nach dem fünf Prozent Einbruch des BIP im Jahr 2009 bliebe selbst ein Wachstum von 2,5 Prozent im Jahr 2010 noch immer um gut 2,6 Prozent unter dem Stand des Jahres 2008. Wachstum ja, aber was wächst? Am 16.8. meldete das Statistische Bundesamt, Ende Juni 2010 seien in den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes, also dort, wo etwas Brauchbares hergestellt wird, nach vorläufigen Ergebnissen gut 4,9 Millionen Personen tätig gewesen. Das waren rund 134 800 Personen oder 2,7% weniger als im Vorjahresmonat. Der tolle Aufschwung betrifft vor allem das bezahlte Geschwätz und seine Verwaltung.
Wo wurde Arbeit eingespart? Bei der Metall-Erzeugung und -Bearbeitung wurden weitere 5,3 Prozent aller Stellen gestrichen. Ebenfalls deutlich weniger Beschäftigte gab es im Maschinenbau (-3,6 %), bei den Herstellern von elektrischen Ausrüstungen (-4 %) und bei den Herstellern von Metallerzeugnissen (-4,7 %). Arbeiten die verbliebenen nun fleißiger und mehr, oder werden ihre Erzeugnisse weniger gebraucht, weil sie überflüssig sind oder weil sie nicht bezahlt werden können und sollen? Was aber sagen solche Zahlen einem noch, zumal wenn sie in den Propagandaämtern immer stärker zu Recht massiert werden. Der Trend der Einzelhandelsumsätze war in den letzten Monaten ausgesprochen negativ. Der Grund war einsichtig, die Leute verdienten weniger und hatten mehr für ihre inzwischen angehäuften Schulden abzudrücken. Beim Amt sah es aber anders aus. Man hatte die Zahlen der falschen Unternehmen zugrunde gelegt. Das ließ sich ändern, und schon wurden im ersten Halbjahr nicht mehr 0,4 % weniger umgesetzt, sondern 0,9 % mehr als im 1. Halbjahr des Vorjahres. Wie bei der westlichen Freiheit kommt es nur auf die freie Wahl an. Auch Sie haben die Wahl, sie können glauben oder nicht. Was die Mehrheit wählt, ist dann wahr – und wehe, Sie zweifeln das an – Sie Miesmacher oder schlimmeres.
Mit den vorhandenen technisch, naturwissenschaftlichen Mitteln bräuchte es für niemanden mehr materielle Not geben. Man müsste die Mittel nur richtig einsetzen. Selbst die Auswirkungen des menschlichen Stoffwechsels mit der Natur ließen sich folgenärmer gestalten. Es käme nur darauf an, welche Wahl man zwischen den Einsatzmöglichkeiten der technischen Potentiale und der menschliche Arbeitszeit trifft. Man kann sich für produktivere und unproduktivere Einsätze entscheiden. Der unproduktivere Einsatz ist der „wirtschaftlichere“, er sorgt für Knappheit, Knappheit sorgt für höhere Preise und höhere Preise für vermehrte Not. In der Demokratie haben Sie die Wahl, Sie dürfen die Steuermänner wählen, die den Einsatz regeln, dies zumindest vorgeben, denn die Entscheidung treffen letztlich die Geld-Geber und -Schöpfer. Manche glauben allerdings, man solle die Regelung lieber un- oder übermenschlichen Institutionen überlassen, Göttern, der Natur, dem Markt, oder den Medien, die Ihre Wahlentscheidung vorbereiten.
Und da haben wir es wieder, die Entscheidung: Wem soll man denn nun glauben? Am besten wäre: Niemandem! und darüber nachzudenken, was man selbst den eigentlich will und wie das zu erreichen wäre. Nehmen wir an, Sie wollen lange leben, auch noch, wenn Sie nicht mehr arbeiten gehen müssen oder können. Dazu brauchen Sie eine Rente, dafür – sagt man – müssen Sie vorsorgen, indem Sie einen Teil ihres Arbeitsertrags zur Seite legen. Wenn Sie Bauer sind, Kartoffeln? Wenn Sie Arbeiter sind, Maschinenteile? Wenn sie Verwalter sind, Akten? Die Kartoffeln sind, bis Sie sie brauchen, verfault, die Maschinenteile überholt und schrottreif, die Akten verstaubt und uninteressant. Also hinterlegen sie Geld, die Zahlungsverpflichtungen und Lieferbereitschaft anderer, oder was wäre Geld sonst? Und wenn die anderen dann, wenn sie etwas brauchen, nicht liefern oder ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen, oder, bei denen Sie es hinterlegt hatten, ihr Geld inzwischen verspielt haben? Fassen sie einmal einem Nackigen in die Tasche! Oder wenn sie sogar Geldscheine ausgehändigt bekommen, aber Ihnen dafür niemand mehr etwas liefert – letztendlich, weil es nichts zu liefern gibt, weil es nicht hergestellt wurde, weil die wenigen, die dann vielleicht noch arbeiten, keinen Bock haben, für Sie zu arbeiten, nur weil Sie früher einmal ihren Lohn irgendwelchen Spekulanten beim Spiel auf den Finanzmärkten anvertraut haben?
„Soweit wird es nicht kommen, hoffen Sie, für Geld arbeitet jeder.“ Wirklich? Sind Sie sich da sicher? Manche sind zu dumm dazu, zu unfähig, andere zu „alternativ“. „Da wird die Politik“ – um die Sie sich nicht gekümmert haben, „schon für sorgen.“ Aber die Politik hat schon gesorgt: dafür, dass die Spekulanten gut verdienen und dass alles wirtschaftlich knapp bleibt, damit die Preise hoch sind, damit Geld fürs wirtschaftliche Spekulieren erwirtschaftet werden kann und die monetären Umsätze aufschwungartig stimmen und die alternativen Zukunftsvorstellungen der Menschen auf die Steinzeit zurückgehen.
In den Niederlanden bekommen Rentner ab 1. Januar 2011 bis zu 14 Prozent weniger Geld, weil ihre Einlagen verspekuliert wurden. Das teilten am 17.8. 2010 der Sozialminister Piet Hein Donner und die Zentralbank mit – natürlich nicht den Rentnern, sondern den Medien. Durch Medien kann kein Rentner dem Minister an die Gurgel springen, so gerne er es auch gewollte. Aufgrund der Vertraulichkeit wollte die Bank nicht mitteilen, welche der Rentenkassen es betrifft, nur so viel: Die Rentenkassen waren von der Wirtschaftskrise hart getroffen, so dass die Deckungsgrundlage verschiedener Kassen unter die erforderlichen 105% gesunken sind. Am härtesten werden die über 65-jährigen getroffen, heißt es, denn die jüngeren „haben noch immer Zeit mehr zu sparen oder eine bessere finanzielle Situation zu erleben.“ Tröstlich, nicht wahr! Hoffen, dass die gleichen, die die jetzige Krise zu verantworten haben, es besser machen. Die ahnen zum größten Teil nicht einmal, wie es zur Krise kam, oder genauer, wer sie zu welchem Zweck arrangiert hat. Dass es sich um eine gezielte Maßnahme der Vermögensumverteilung gehandelt hat, darf nämlich nicht denken, das wäre Verschwörungstheorie und zu denen wollen Sie doch nicht gehören. Ich bitte Sie!
Auch die Bundesbürger stecken in einem Vorsorgedilemma: Die Renditen von gesetzlicher und privater Rente fallen gemeinsam und übereinstimmend. Auch hier bietet man den Sparern zwei Lösungen: Sie können noch mehr Geld zurückzulegen, um im Alter auf die erwartete Summe zu kommen. Sie können auf ein Zinswunder und damit bessere Konditionen für ihr Kapital hoffen. Natürlich ist niemand Schuld: „Die Versicherer leiden wie jeder andere Sparer auch unter dem Zinsnotstand. Im Durchschnitt packen sie 95 Prozent ihrer Kundengelder in Anleihen und bekommen so die Niedrigzinspolitik der Notenbanken voll zu spüren“. Am 13.8. hatten die zehnjährigen Bundesanleihen ein historisches Rekordtief von 2,39 Prozent erreicht. Damit werfen sie nur noch ein Viertel dessen ab, was sie Anfang der Neunzigerjahre, in der Hochphase der Lebensversicherungen, einmal erbracht haben. Aber wer futtert schon Zinsen oder Geld oder Wertpapiere im Alter, wenn nichts Brauchbares mehr produziert wird. Trotz moderner Wirtschaftstheorien und Marktphantasien gilt der alte Spruch: „Ein Schnitzel, das man nicht produziert hat, kann man nicht essen.“ Aber genauso gilt die Überlegung, warum soll man Schnitzel produzieren, wenn man das Geld der Kunden auf einfachere Weise bekommt. Wie viel Geld die Verbraucher haben, ist auf den Cent genau bekannt, ebenso, wie viele „unelastische“ Güter genügen, um genau das Geld abzuschöpfen. So kalkulieren zwar nicht ihre Frittenbude an der Ecke, aber die Banker an der Wall Street. Knappheit zahlt sich aus, der Rest ist Propaganda a la Greenpiss und Co.
In Dänemark wird jetzt aus den gleichen Gründen die Bezugszeit von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe halbiert. In Großbritannien denkt man sich allerlei neue Steuern aus, jetzt ist eine Akademiker-Steuer im Gespräch. Studiengebühren rückwärts statt vorwärts machen zwar nach dem Motte „erst die Ware dann das Geld“ mehr Sinn als andersherum, ob es dem gesellschaftlichen Wohlsein dienlich ist, kann trotzdem bezweifelt werden. In Griechenland steigen bei einer Erwerbslosenquote von bis zu 70 Prozent auch Verzweiflung und Wut der Bevölkerung – doch wem hilft die.
„Rein wirtschaftlich“ denken auch die EU-Bürokraten. Sie planen eine Rohstoff-Steuer, nur um Privathaushalte und Industrie zu einer effizienteren Nutzung der Rohstoffe zu bekehren. An Rohstoffen wurde zwar gespart, seitdem es kostenbewusste Unternehmen gab. Jetzt sei dies aber nicht nur aus Umweltschutzgründen nötig, sondern es ließe sich damit auch die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, meint die EU-Kommission in einem am 17.8. veröffentlichten Strategiepapier (FAZ 18.8.)
Das Rezept ist einfach, man nehme irgendeinen Gemeinplatz, dem man irgendwie zustimmen kann, verbinde ihn vage mit einem gewünschten Politikziel, erfinde einen kausal anmutenden Zusammenhang und hat schon mit etwas Medienaufwand den gewünschten Massenglauben. Eine Kuh frisst viel Gras und liefert relativ wenig Milch und Fleisch, wäre es da nicht Rohstoff haushalterischer, wenn die Menschen gleich das Gras fräßen und man sich die Kuh „sparen“ kann. Vegetariertum wird aus vielen Gründen schick – Hauptgrund sind „die Kosten!“ „Warum sollen die „Viel zu Vielen“ üppig leben, sie sollen froh sein, wenn wir sie überhaupt am Leben lassen“, denkt die Elite, deren Propaganda-Promis Sie im TV bewundern. Vielleicht tut‘s demnächst ein Guru, der den Leuten das friedfertige Fasten beibrächte. Wie würde das wohl die Wettbewerbsfähigkeit steigern – auf den Geldmärkten.
Bei so viel politischem Sachverstand haben die Brüsseler Beamten sich eine tüchtige Belohnung verdient. Die 32.140 EU-Beamten bekommen daher von ihren Vorgesetzten in London City und an der Wall Street eine Gehaltserhöhung zugebilligt, die sie sich selbst von der laufenden Vermögensumverteilung abzweigen dürfen. In drei Posten versteckt sind es laut Haushaltsplans der EU-Kommission im kommenden Jahr 5,35% mehr und zwar: vor „Ende 2010 eine Gehaltsanpassung von 2,2 % und eine Anpassung um 1,3 % für 2011“ und drittens eine rückwirkende Anhebung ab 1. Juli 2009, weil sie damals in der Krise auf Widerstand gestoßen war. Jetzt geht‘s – schon wegen der nötigen Verbraucher-Nachfrage
Für den Aufschwung sorgen indes US-Beamte. Der Offenmarktausschuss der FED will in den kommenden Monaten lang laufende US-Staatsanleihen zurückkaufen, was entsprechend Geld in die Märkte spült. Zu Deutsch, es wird Geld gedruckt, aber so, dass dadurch die FED Bilanz aufgrund von Wertpapierumbuchungen scheinbar nicht ausgeweitet wird. Der Bestand an „Wertpapieren“ der FED soll bei gut zwei Billionen Dollar vorerst konstant bleiben. Wozu wird das Geld benötigt? Die Handelsbilanz der USA zeigt es. Das Handelsbilanzdefizit der USA ist im Juni dieses Jahres wieder „überraschend“ stark angewachsen. Nach Angaben des US-Handelsministeriums betrug das Defizit im Juni 49,9 Milliarden Dollar, das waren fast acht Milliarden mehr als im Vormonat. Im Juni sind die US-Importe um fast sechs Milliarden Dollar gestiegen, während die Exporte um zwei Milliarden Dollar zurückgingen. Die Welt sollte den USA wie den EU-Beamten dankbar sein, dass sie überall Arbeitsplätze schaffen und bei sich das Einkommen und dazu noch den anderen das Sparen lehrt – ist doch prima!





