Fakten, Kritisches Denken, Krisen, Markt, Obama, Wirtschaftswissenschaftler.
25. Januar 2010 von admin
Ausgeglichen (do ut des)
Mit zwei Arten von Nachrichten versuchen Medien uns in Stimmung zu halten. Die eine bezieht sich auf Zustände auf Haiti nach den Erdbeben. Aber rechtfertigen die eine erneute Besetzung durch US Truppen (16.000 Soldaten!), während andere die Hilfe leisten? Sind auch da Terroristen (Plünderer) am Werk oder die 2005 bekanntgewordenen großen Öl-Vorräte, die als strategische US-Reserve vor der Ausbeutung durch die Haitianer zu schützen sind? Die andere Nachricht betrifft Obamas erstes Regierungsjahr. Es bescherte ihm „die schlechtesten Umfragewerte eines amerikanischen Präsidenten seit Truman im gleichen Zeitraum der Präsidentschaft“ in den USA – nicht bei uns. Der glorifizierte Hoffnungsträger, der „wie ein Messias” aufgebaut wurde, hat tatsächlich kein einziges Wahlversprechen gehalten. Er hat – wie üblich – seine Freunde aus Chicago mit Posten versehen und ist im Übrigen eine „nahtlose Fortsetzung von Bush“. Er hat die Kriege ausgeweitet und will den nächsten am Horn von Afrika und auf der arabischen Halbinsel führen. Doch das rührt kaum jemanden ernsthaft. The Show must go on – und tut es.
„Dass die schwerste Krise, die sich so leicht im Jahr 2009 hätte ereignen können, nicht eintrat, ist ein Verdienst, das die Welt den Wirtschaftswissenschaftlern verdankt“ schrieb ein Arvind Subramaniam am 27.12.09 in der Financial Times. Natürlich ist auch er Wirtschaftswissenschaftler. Wer sonst könnte einen solchen Blödsinn verzapfen. Denn erstens ist die Krise eingetroffen, oder genauer gesagt, sie ist noch dabei einzutreffen, und zweitens hat keiner der namhaften Wirtschaftswissenschaftlern die Krise kommen sehen, wenn er nicht beim Goldhandel angestellt war und um des Umsatzes willen die Krise als ständiges ceterum censeo anpries (vom „im Übrigen meine ich, Karthago sie zu zerstören“, mit Cato der Ältere jede seiner Rede im römischen Senat beschloss – für die Bildungsbeflissenen).
Dabei wissen Marktwirtschaftler „crises will always happen“; ohne Krise tut es der Markt auf Dauer nicht. Erst die Krise bringt die durch fehlende Marktübersicht und willkürliche Kreditausweitung verzerrten Preise wieder einigermaßen auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Im 19. Jahrhundert hatten 5 Krisen (1819, 1837, 1857, 1873, 1893) dafür gesorgt, dass Spekulanten und Fehlinvestierer (meist zur Schadenfreude der Zuschauer im Bildungsbürgertum) zum Teil kräftig getunkt wurden. Die Arbeiter traf es sowohl beim Aufschwung wie auch beim Abschwung, weil es – marktwirtschaftlich gesehen – immer zu viele davon gab. Die Krisenbereinigung auf dem Arbeitsmarkt heißt Krieg, Seuche oder Hungersnot, manchmal auch Tsunami oder Erdbeben – Auch das lässt sich heute machen.
Nach jeder Krise tat die Wirtschaft einen schönen Sprung nach vorne, das heißt, eine deutlich kleinere Anzahl von Unternehmen teilte sich nun den abschöpfbaren Gewinn. In den Produktpreisen stellten von Krise zu Krise die im Wirtschaftsdurchlauf akkumulierten Kredit-Kosten einen immer größeren Anteil. Gut für die Banken, von denen immer wenigere immer mehr Geld fordern konnten. Das scheint der Zweck der Marktwirtschaft in einer nicht mehr von objektiver Knappheit bestimmten Gesellschaft zu sein – die wir („die da unten“) als freiheitlich tolerieren, obwohl sie uns künstlich „knapp“ hält. Über die marktschicksalsmäßig notwendige Krise sollte jeder Marktteilnehmer Bescheid wissen. Nur wann und wie die Krise zuschlägt, bleibt ihm unbekannt. Denn er weiß nicht, wie und von wem sie ausgelöst wird.
Dies wissen die „Wirtschaftswissenschaftler“ auch nicht; nur diejenigen, welche die Marktkorrektur im Eigeninteresse herbeiführen können, wissen, wann sie zuschlagen, verraten es aber nur ihren „Insidern“. Von Wirtschaftswissenschaftlern wird die Krise nicht ausgelöst, sondern von den Geldpumpen, das heißt, von dem kleinen Kreis Topbankiers, die sich dazu auf irgendeiner Ranch oder in einem entlegenen Resort „rein zufällig“ treffen. Diese Leute bedienen sich der Wirtschaftswissenschaftler, Medien und Politiker (meist in dieser Reihenfolge) erst zur nachträglichen Erläuterung der Krise, um die Betroffenen bei Laune zu halten. Denn den von der Krise Gebeutelten könnten sonst Zweifel an der Marktgerechtigkeit und der großen freiheitlichen Zusage „Chancengleichheit“ kommen. Wo das Verdienst der Wirtschaftswissenschaftler liegen soll, die potentiell schwerste Krise, die dann angeblich doch nicht eingetroffen ist, im Jahr 2009 abgewendet zu haben, wird uns selbst der „Senior Fellow“ am Peterson Institute for International Economics und am Center for Global Development der zugleich Senior Research Professor an der Johns Hopkins University ist und der frühere Assistenzdirektor in der Forschungsabteilung des Internationalen Währungsfonds, Herr Subramaniam, nicht sagen können oder wollen.
Vermutlich würde er auf den Wirtschaftswissenschaftler Ben Shalom Bernanke, den Präsidenten des Federal Reserve Boards, den US-Notenbankchef, verweisen. Dieser soll auf Milton Friedmans Geburtstags-Party zum 90. geschworen haben: „Im Hinblick auf die Große Depression haben sie Recht. Wir haben sie gemacht, es tut uns Leid. Aber dank Ihrer, werden wir das nicht wieder tun.” Wenn das kein Wort ist. Wie schrieb Subramaniam am Anfang des Artikels: „But crises will allways happen.“
Helikopter Ben wollte die Krise in einer Flut ganz neuer Dollars ersäufen. Er hatte nur nicht begriffen, dass die Krise selbst ein Kredit-Tsunami ist, dessen Flut die Rückzahlungsfähigkeit und die daraus abgeleitete Kreditunwürdigkeit der meisten Marktteilnehmer übersteigt – von den Banken mit den offenen Forderungen abgesehen, die sie zum Teil als Derivate weiterverkauft haben. Es fehlt nicht an Gütern, es fehlt nicht am Bedarf (der zum Teil trotzdem künstlich durch den Zwangskonsum aufgrund von Umweltauflagen geschaffen wird). Es fehlt am Geld; und Geld ist heute nichts anderes als Zahlungsforderungen an andere, Kredit also. Zum Kredit gehört wie das Amen in der Kirche die Kreditwürdigkeit, das heißt „der Glaube“ an die Rückzahlfähigkeit des Kreditnehmers. Sind alle verschuldet, fehlt es an dieser und damit am Geld. Bernanke kann noch so viel Geld drucken, er kann es nicht unter die Leute bringen, ohne die Kreditunwürdigkeit der Kreditnehmer zu überspielen. Doch auch das hieße ja nur, den Wert des Geldes zu entwerten. Denn der Geldwert ist nichts anderes als die Rückzahlfähigkeit der Kreditnehmer, aufgrund der es als Kredit entsteht.
Solche Zusammenhänge erscheinen den Meisten als höhere Mathematik oder als Rabulistik scholastischer Theologen. Damit liegen sie nicht einmal falsch. Denn sie werden tatsächlich durch die künstlich verkomplizierten Hirngespinste der heutigen Markt-Theologen oder Wirtschaftswissenschaftler vernebelt. Diese entscheiden heute über das Wohlergehen der Menschen im hier und heute, genauso wie die Scholastiker über das der mittelalterlichen Menschen im damaligen hier und morgen (das bei ihnen im Himmel, bei uns nur in den Sternen zu liegen scheint).
Daher verlangen heute die Meisten „harte Fakten“. Doch die schwimmen oben auf der Rabulistik der Markttheologen. Was heißt das denn: Die “Bundesrepublik Deutschland – Finanzagentur GmbH“ hat im kommenden Jahr 343 Mrd. Euro zu refinanzieren und der Regierung Kredite für die geplante Neuverschuldung von 100 Mrd. Euro zu beschaffen? Diese GmbH ist nach Selbstauskunft „das Schuldenmanagement des Bundes“ oder „die Nahtstelle zwischen Politik und Markt“ und damit das „Vermögen“ (das Können) der Bundesregierung. Keine Auskunft über ihr „Geschäftsvermögen“ oder „Stammkapital“ gibt die sonst so mitteilsame GmbH. Es dürfte beim gesetzlich vorgeschriebenen GmbH Minimum liegen. Denn in ihrem Fall liegt die Haftung nicht wie vom GmbH Gesetz gefordert beim Geschäftsvermögen der GmbH, sondern bei Ihnen, Herr und Frau Bundesbürger – mit allem was sie haben. Da lässt sich locker Kredit aufnehmen, damit die Banken sanieren und vielleicht sogar die Wirtschaft mit Subventionen „ankurbeln“. Man pumpt sich auf Ihr Risiko Geld, um es in die am angeblichen Überfluss notleidende Wirtschaft zu „pumpen“.
Oder nehmen Sie andere „harte Fakten“. Das Statistische Bundesamt meldete gerade, der Erzeugerpreisindex sei im Jahr 2009 um 4,2% zurückgegangen. Das haben die Preissenkungen für Energie allgemein um 8,3%, und speziell für Mineralöl um 18,5%, für Strom um 5.9% und für Erdgas um 8,8% bewirkt. Haben Sie etwas davon gemerkt? – Ja doch, an der Tankstelle gab es gelegentlich etwas billiger Benzin. Während die Preise für industrielle Vorleistungen um 5,2% gesunken sind, sind die Verbraucherpreise nur um 1,6% zurückgegangen – und auch das betraf wohl nur Artikel, die man selten erwirbt. Zuvor gab das Bundesamt bekannt, dass die Umsätze im güterproduzierenden Gewerbe im November 2009 gegenüber dem Krisen-Monat November 2008 arbeitstäglich- und preisbereinigt um 9,7 Prozent rückläufig waren. Besonders extrem habe es den Maschinenbau mit einem Umsatzminus von insgesamt 28,6 Prozent getroffen. Die Inlandsumsätze brachen um mehr als ein Drittel weg (- 34,2 Prozent). Aber tröstlich zu wissen, Umsatz und Preise bei Gold und Aktien sind gestiegen, und nur daran haben Wirtschaftswissenschaftler wie Bernanke das Verdienst, die Krise im Jahr 2009 verhindert zu haben.
Nach dpa vom 17.01.2010 hat die Schwarzarbeit in Deutschland im Krisenjahr 2009 weiter zugenommen. Ihr Wert sei, so der Linzer Ökonom Friedrich Schneider, nach einem Bericht der „Wirtschaftswoche“, um fünf bis sechs Mrd. Euro auf insgesamt rund 253 Milliarden Euro gestiegen. Im laufenden Jahre erwarte er bei steigenden Arbeitslosenzahlen einen Zuwachs um fünf bis acht Mrd. Euro. „Die Krise hat die Schattenwirtschaft weiter angefeuert.“ Dazu hätte auch die Selbstbedienungsmentalität vieler Wirtschaftsführer der Steuermoral nachhaltig geschadet. Denn schließlich würden Fiskus und Sozialkassen durch die Schattenwirtschaft zwischen 20 und 25 Mrd. Euro jährlich entzogen. Harte Fakten!?
Das schwarz gesparte oder verdiente Geld wird in der Regel konsumiert und fließt damit zu fast 20% doch wieder dem Fiskus zu. Die Aussage, dass ohne die Schattenwirtschaft „in Deutschland die Post abgehen“ würde, gehört wohl zu den Behauptungen, mit denen Wirtschaftswissenschaftler ihre meist teuren Dienste bewerben. Kaum einer fragt sich bei solchen Zahlen, wie der Professor aus Linz an das herankommt, was den Steuerbehörden entgeht. Der Ökonom wird ihnen allerdings allerlei gute Begründungen für die Zahlen geben. Sie sind von der Art wie diejenigen, mit denen sie die Krise 2009 verhindert haben und wegen der sie sich vor 2007 sicher waren, dass es zu keiner Krise mehr kommen wird.
Sie könnten noch andere „harte Fakten“ bekommen, etwa der Rückgang der Einzelhandelsumsätze, die Zunahme der Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, das Verhalten der Umsätze bei Versorgungsgütern im Vergleich zu dem der Wertpapiere. Das ändert bei Ihnen vermutlich ebenso wenig, wie die vermutlich korrekten Messungen des Schneelabors der Rutgers University in den USA am Vorhaben des französischen Präsident Sarkozy. Im Dezember war es auf der gesamten Nordhalbkugel der Erde seit Beginn der Messungen im Jahr 1966 mit 45,86 Million qkm zur zweitgrößten schneebedeckten Landfläche gekommen (im Jahr 1985 waren es 45,99 Million qkm). Und Sarkozy hält an seiner (vorerst vom französischen Verfassungsrat gestoppten) CO2-Steuer fest. Sie werden Frankreichs Haushalte und Autofahrer zu zahlen haben, und sie soll laut NZZ noch zum 1. Juli kommen.
Harte Fakten gibt es nicht nur für Europa oder Deutschland. 6% der Weltbevölkerung – US-Amerikaner – besitzt rund 60% der Reichtümer dieser Erde. Rund 80% der Menschen leben in ungenügenden Wohnverhältnissen, 70% sind Analphabeten und 50% unterernährt. Wahrscheinlich werden Sie lieber an der Faktizität dieser Zahlen kratzen wollen, als ihre „Härte“ ernst nehmen und sich klar machen, wie es bei all der Chancengleichheit des Marktes dazu kommt. Oder wollen Sie sagen, dass eben nur 6% der Menschen clever sind und der Rest faul und dumm – und gegen Dummheit kämpften bekanntlich Götter selbst vergebens. Gilt das auch in Ihrem Fall?
Helmut Böttiger